Das ganz normale Chaos

Zwischen Akzeptanz und Anpassung

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Es ist ein schmaler Grat, den man da beschreitet, wenn Neurodiversität das eigene Leben bestimmt. Um dich herum sind viele Menschen, die dir sagen, was richtig ist. Menschen die dir sagen, dass du dir Ruhezeiten gönnen musst, um dich zu erholen und dann sind da auf der anderen Seite Menschen, die dir sagen „Ich würde Ihnen gerne Hoffnung machen, aber die Menschen werden Sie nie fair behandeln. Die Welt wird nie Rücksicht nehmen.“ Und irgendwie haben beide Recht. 

Ich sitze da mit zitternden Händen auf dem Stuhl, der in dem Flur zwischen den Sprechzimmern steht. 5 Minuten vorher wollte ich mir nur einen Termin bei der neuen Hausärztin holen. Zu mehr fühlte ich mich nicht in der Lage. Doch man sagte mir „Die Ärztin hat auch heute Zeit. Wenn Sie wollen können Sie schon direkt durch.“ Darauf war ich nicht vorbereitet und es machte mir Angst, aber ich sagte zu. Lieber alles mit einem Abwasch erledigen, als wieder raus zu müssen, wieder 2-3 Tage vor dem Termin so aufgeregt sein, dass ich weder schlafen noch essen kann.

Die Ärztin ist nett und sympathisch. Meine Aufregung lässt langsam nach. Ich sage ihr, dass ich einige Wochen schon nach einer neuen Hausärztin suchte, aber überall abgelehnt wurde. Aufnahmestopp hieß es. Sie nickt mild lächelnd. „Ja wir haben hier einen extremen Ärztemangel, aber schön, dass Sie es hergeschafft haben.“

Ich schildere ihr mein Problem. Ich erzähle ihr von den Angstattacken, von den Depressionen. Ich sage ihr auch, dass ich in den letzten Wochen so viele Overloads und Meltdowns hatte, dass ich kaum mehr dazu komme Kraft zu tanken. Sie nickt. Sie weiß wovon ich rede. ich erkläre ihr, wie anstrengend es ist, wenn das Umfeld nicht weiß wie es mit einem umzugehen hat. Wenn die Erwartungen so hoch sind, dass man ihnen nicht gerecht werden kann. Und auch dass man lieber Dinge tut, die die eigenen Kraftreserven rauben, statt wieder zu diskutieren und sich zu erklären und dann das Gefühl zu bekommen, man würde nur nach Ausreden suchen.  Ich sagte ihr, dass ich heute auch eigentlich nur einen Termin wollte. Sie ist verständnisvoll. Sie sagt, sie würde mir gern Hoffnung machen, dass es besser wird. Aber das wird es nicht. Sie habe genug Patienten, die genau diese Probleme haben, aber die Welt da draußen wird nicht besser. Solang man Erkrankungen nicht sieht, werden sie weder ernst genommen noch richtig eingeschätzt.

Mit einem Diagnosezettel und einem Rezept verlasse ich zwanzig Minuten später die Praxis und ich frage mich nun, ob ich mich selbst verraten habe, weil ich ein Medikament nehme, das mich verändert. Das mir hilft mich anzupassen. Dass ich lieber die Verantwortung auf mich nehme, als von meiner Umwelt zu verlangen, dass sie mich gefälligst so akzeptiert, wie ich bin.

Aber eigentlich versuche ich nur zu überleben. Ich wurde in eine Welt hineingeboren, in der kein Platz für meine Symptome ist. Und natürlich versuche ich immer und immer wieder zu erklären, was anders ist, wieso ich anders bin und dass daran nichts falsch ist. Aber Menschen vergessen und Menschen machen das was sie gewohnt sind und bevorzugen das was sie kennen. Man wiederholt sich.

Und ich? Ich will in dieser Welt einfach nur klar kommen. Wie ein Taucher, der unter Wasser sein Sauerstoffgerät braucht, um atmen zu können. Ich will einfach nur mal wieder atmen können. Was mich jetzt erwartet? Einige Wochen Nebenwirkungen – weitere Arztbesuche, viele Gespräche und dann am Ende irgendwo ein wenig Unbeschwertheit.

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