Das ganz normale Chaos

Zwei Jahre YouTube – Wie mich die Videoplattform veränderte

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Es ist ungefähr zwei Jahre her, dass ich angefangen habe, regelmäßig Videos auf YouTube zu veröffentlichen. Oft fragt man mich, wie ich denn dazu gekommen bin, überhaupt Videos zu machen. Eigentlich unfreiwillig. Ich bin nie wirklich die Rampensau gewesen – bin es übrigens auch immer noch nicht – und hatte für mein Blog einen Kanal, der von ehemaligen Kollegen befüllt wurde. Der Kanal startete sehr erfolgreich, doch irgendwann schieden die Kollegen aus dem Team aus und ich stand auf einmal fast allein mit einem Kanal der befüllt werden wollte und mit einer Community, die Videos sehen wollte. Nur widerwillig habe ich begonnen, Videos zu drehen. Nicht, weil es mich nicht interessiert hätte – das hat es insgeheim immer – doch in der Öffentlichkeit zu stehen – mit Stimme und später auch Gesicht – das war zu viel für mich. Ich war schon immer eher schüchtern und introvertiert. Menschen mag ich lieber auf Distanz – auf einmal einen Videokanal befüllen? Unvorstellbar.

17.09.14 - 1 (1)

Das Let’s Player Setup

Zufällig reingestolpert

Mein damaliger Freund – selbst erfahren in Videodingen – machte mir dann Mut. Mit ihm zusammen befüllten wir nach und nach den Kanal. Schnell musste ich feststellen, dass mein Können und mein eigener Anspruch an meine Videos nicht wirklich miteinander übereinstimmten. Also las ich mich viel ein, kaufte mir eine teure Videosoftware und las mich durch Foren (wer mich kennt weiß, dass ich Foren hasse) und probierte aus. Ich probierte viel aus. Am Anfang musste ich durch den harten Garten der Kritik. Wenn man eine Plattform wie YouTube verwendet, dann misst man sich automatisch mit allen anwesenden Contenterstellern und das kann mitunter schwierig werden, da viele dort professionell unterwegs sind, während ich in meiner Anfangszeit mit meinem kleinen Krumpelmikrofon, einem langsamen PC mit dem Moviemaker und einer mittelmäßig stabilen Internetleitung auf dem Dorf saß und keine Ahnung hatte. So musste ich in der Anfangsphase durch massenhaft Dislikes und Beleidigungen durch. Nicht alle waren aus meiner Sicht angebracht, aber ich habe mir konstruktive Bemerkungen immer zu Herzen genommen, denn wenn man besser werden will, muss man sich erst einmal klar sein, dass man es besser machen könnte. Dazu gehört manchmal auch ein Blick und eine Einschätzung von außen.

Schnell auf den Boden der Tatsachen zurück

Zu Beginn hatte ich sehr viele Illusionen, wie YouTube funktioniert und dass es eigentlich gar nicht so schwer sein sollte, ein Publikum zu erreichen. In meinen 2 Jahren habe ich nun gemerkt – Die „Konkurrenz“ (wieso ich das in Gänsefüßchen schreibe, erkläre ich gleich) ist groß und viele Leute sind ambitioniert, viele gehen das Ganze auch eher halbherzig an und viele scheitern an ihren selbstgesteckten und viel zu hohen Zielen. Aufgrund dieser hohen Ausfallrate an Usern gleich zu Beginn, muss man sich das Vertrauen seiner Community erst erarbeiten. Man muss ihnen beweisen, dass man es ernst meint, dass man es durchzieht und dass es keine Laune ist, die man irgendwann entwickelt hat. Das kann dauern – mitunter Monate oder Jahre.

Einfacher ist es dann, wenn man von Anfang an durch ein Netzwerk gepusht wird. Übertragen auf die Musikindustrie sind Netzwerke wie Plattenlabels. Sie übernehmen die Vermarktung und Positionierung der eigenen Inhalte und optimieren eigentlich alles rund um den Kanal, während man sich selbst ausschließlich um die Inhalte kümmert. Dafür nehmen die Netzwerke teilweise bis zu 70% Provision der Einnahmen. Aufgrund der immer weiter steigenden Beliebtheit von Inhalten auf der Videoplattform, sind in den letzten Jahren viele Netzwerke aus dem Boden geschossen, die unterschiedliche Anforderungen an ihre Mitgleider stellen. Leider gibt es darunter aus einige schwarze Schafe und nicht selten finden sich YouTuber dann in einem 2-Jahres-Vertrag wieder, den sie weder verstanden haben noch in irgendeiner Weise erfüllen wollen. Manchmal nehmen Netzwerke auch so viele Nutzer auf, dass allein logistisch überhaupt nicht möglich ist, einen adäquaten Support für die Nutzer zu leisten. Das wirft ein schlechtes Bild auf die Netzwerke im Allgemeinen.

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Auf der Gamescom treffen sich Gamer und YouTuber und quatschen über ihr Hobby

Ohne Netzwerk ist es schwerer, aber man ist freier

Ohne Netzwerk und fast ohne Kontakte zu anderen YouTubern kommt man ziemlich schnell an den Punkt, wo zwar die Inhalte prinzipiell besser werden, aber keinerlei Veränderungen mehr bezüglich der Viewzahlen oder der Abonnenten eintreten. Dann muss man experimentieren und sich mit anderen YouTubern zusammenschließen und eine Interessensgemeinschaft bilden. Deswegen sind andere YouTuber auch keine Konkurrenz. Man teilt eine gemeinsame Leidenschaft, gemeinsame Interessen und daraus können Freundschaften entstehen. Abonnentenneid, -hass und das Unterstellen, man wolle „Abos abgreifen“ kann die Stimmung aber schnell vergiften. Daher – pass auf mit wem du dich umgibst, pass auf, wie ehrlich die Leute zu dir sind und habe vorrangig Spaß am Videos machen.

Das klingt jetzt alles eher nach Marketinggeblubbel statt nach der romantisch-verklärten Welt, als die YouTube uns gern verkauft wird. Aber am Ende läuft es darauf hinaus, dass man sich klar sein sollte, dass ein Projekt wie YouTube auf drei Pfeilern ruht. Die Theorie, wie es funktioniert, die Praxis, wie man es umsetzt und den Spaß, den man mitbringt. Lässt man nur einen Punkt weg, wird man irgendwann frustriert aufgeben.

14.08.14 - 1

Eine fangirlende Tiia, die ihren Lieblings-Let’s Player Moondye treffen konnte

Es verändert den Charakter

YouTube hat mich verändert. Die zwei Jahre haben mich verändert. Ich habe zum einen schon einmal mehr Kenntnisse in Bereichen Videoerarbeitung. Vielleicht kann mir das irgendwann einmal nützlich sein. Die größte Veränderung hat aber in mir stattgefunden. Ich bin mutiger und selbstsicherer geworden. Aus dem Mädchen, dass sich bei den ersten Videos nicht einmal ihre eigene Stimme anhören konnte (dieser „Was???  So klinge ich??“-Effekt) bin ich geworden. Ich experimentiere eine Menge herum, traue mich mehr, mache mittlerweile sogar Vlogs (was mich große Überwindung gekostet hat, vor einer Kamera zu reden und ich bin immer noch aufgeregt, wenn ich Vlogs drehe). Ich habe Befürchtungen und Ängste überwunden, habe mich Kritik gestellt und bin dadurch selbstsicherer geworden. Allein das kann mir nun niemand mehr nehmen.

Obwohl ich viel über YouTube, YouTuber und Netzwerke motze, ist mein Zwischenfazit positiv, denn würde mein Herz nicht dranhängen, würde ich mir nicht so viele Gedanken machen. Dann wäre mir das alles egal und es würde mich nicht interessieren, inwiefern man Youtube verbessern kann. Doch genau darum mache ich mir ständig Gedanken und solange ich noch was zum meckern finde, habe ich die Hoffnung, dass sich die Plattform positiv entwickelt.

Nach zwei Jahren weiß ich, dass das YouTuber es nicht einfach haben. Ich habe es vielleicht einfacher, weil ich mein eigener „Chef“ bin und mich nicht an Verträge halten muss. Dafür muss ich mir aber auch jeden kleinen Fortschritt erkämpfen und genau das ist für mich der Reiz. Kleine Erfolge feiern, Zuschauer zum Lachen oder Nachdenken bringen und mich persönlich in meinem Selbstbild festigen. YouTube ist ein bisschen wie eine Therapie aus der man entweder gestärkt oder völlig kaputt hervorgeht – je nach dem welche Therapieart man wählt. Ich bin noch lange nicht am Ende und sehe mich deswegen eher noch unten an einer Leiter, die ich gern begeistert hochsteigen möchte. Aber alles zu seiner Zeit.

Wie seht ihr das? Welchen Stellenwert hat YouTube für euch und wie nehmt ihr es wahr?

9 Kommentare

  1. Durchhaltevermögen ist wirklich das wichtigste. Hatte ich leider bisher nicht.

  2. Alles was sich verkommerzialisiert wird letzlich irgendwann zu einer Belastung. Wenn sich auf einer Idee, wie youtube, Kommerz herausbildet wird jeder der das nutzen will zu einem „Spielball“ von Profit egal in welcher Form.
    Ich meine das youtube eine sehr angenehme Möglichkeit ist, Meinungen zu kommunizieren zu verbreiten und dabei auch noch Spaß zu haben. Oftmals ist das Gute nicht unbedingt auch erfolgreich. Also, Spaß haben und in die Welt treten ist sehr positiv, wie auch twitter und ähnlich Ideen des Internets.

  3. YouTube hat für mich einen zweiseitigen Stellenwert. Zum einen handelt es sich für mich hierbei lediglich um ein Werkzeug. Momentan bin ich auch mehr Konsument als Produzent, da der Fokus (schon seit längerem) auf meiner eigentlichen Arbeit sowie Hobbies/ Interessen/ Projekten liegt.
    Zum Anderen hat sich YouTube für mich aber auch dahingehend als Bereicherung gezeigt, dass ich hierdurch einige neue Kontakte knüpfen und Projekte kennen lernen durfte. Auch als inaktiver Produzent, genieße ich jeden Monat das yumee in Düsseldorf, um dort Hand in Hand mit anderen Interessenten agieren zu können. Und natürlich nicht zu vergessen die mittlerweile vielen Veranstaltungen, auf denen man seine üblichen Verdächtigen immer antreffen kann (wenn man sich nicht so oder so privat verkehrt).

    Ich bin aber ehrlich gesagt sehr froh, meinen Lebensunterhalt eben nicht in diesem Haifischbecken bestreiten zu müssen. Nicht, weil ich eine Kommerzialisierung als solche dort schlecht heißen würde. Aber zumindest ich würde in diesem Falle irgendwann die Motivation und Leidenschaft verlieren.

    Aber YouTube ist nur eines von vielen Konstrukten, bei denen jeder seine eigenen Erfahrungen macht und mit eigenen Resultaten, nach einer gewissen Zeit (wie bei einem Zwischenfazit, wie diesem hier) oder in Gänze, für sich herauszieht. Mich freut es jedenfalls zu lesen, dass sich bei dir positive Aspekte gebildet haben, welche – wenn man manch negative Beigeschmäcker einfach mal außer acht lassen darf – am Ende doch überwiegen und wo ich zumindest behaupten würde, dass es sich bisher dahingehend gelohnt hat.

  4. Schöner Erfahrungsbericht, vielen Dank dafür 🙂 Aber mal eine ganz blöde Frage: Warum verlinkst Du hir nirgends auf Deinen YouTube-Account?

  5. YouTube ist was für Leute die Langeweile haben oder Exzentriker sind.
    Es sei denn, man will damit Geld verdienen. Sag ich jetzt mal so. 😉

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