Das ganz normale Chaos

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Wie mir ASMR gegen Panikattacken hilft

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Ich habe hier mal einen Beitrag verfasst, bei dem ich über meine permanente Angst geschrieben habe. Darüber, dass sie unter Stress schlimmer wird und manchmal auch wegbleibt. Ich bin derzeit wieder in einer Phase, in der ich Panikattacken zu den unmöglichsten Situationen bekomme. Sei es nun dass ich einkaufen gehe und dann mitten im Supermarkt Herzrasen bekomme und nicht mehr sehen kann. Wer schon einmal nackte Panik hatte, kennt das vielleicht – man sieht nur noch weiß vor Augen und der Kopf kann nicht mehr klar denken. Um mich herum dreht sich dann alles und ich versuche ein Notfallprogramm ablaufen zu lassen, das dann die Besorgungen in meinen Wagen wirft, mich bezahlen und einpacken lässt und mich dann bis in die nächste dunkle Gasse leitet. Denn dunkle Gassen beruhigen mich. Sobald Licht und Scheinwerfer auf die Straße fallen, bekomme ich wieder Ängste.

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Heather Feather

Durch meinen Job bin ich irgendwann auf ASMR gestoßen. ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Um es einfacher zu beschreiben – es handelt sich dabei um das Gefühl, wie man es zum Beispiel bei einer Kopfmassage empfindet. Es wird aber nicht durch Berührungen ausgelöst, sondern durch bestimmte Geräusche oder durch bestimmte Handlungen. ASMR können nicht alle Menschen empfinden, aber viele kennen es.  Manchmal sind es Geräusche, die uns an früher erinnern. Zum Beispiel das Geräusch wenn man der Oma beim Stricken zugehört hat. Das Klackern der Nadeln signalisiert dem Hirn. „Du bist hier sicher, alles ist gut.“ Es gibt daher zum Beispiel auch Videos, bei denen man einfach zuhören kann, wie jemand strickt.

Neben Videos mit Geräuschen, die entweder mit einem Stereo- oder sogar einem 3D-Mikrofon aufgenommen wurden, gibt es aber auch Videos, die visuelle Reize darstellen. So kann man Massagetutorials ansehen, selbst ASMR-Make-Up-Tutorials gibt es. Besonders beliebt sind Videos mit Kinetic Sand oder Floam. Dann gibt es noch die sogenannten Personal Attention Videos. Diese sind für Leute, die ASMR nur dann empfinden können, wenn jemand aktiv mit ihnen spricht und sich „kümmert“. Das kann zum Beispiel ein gestellter Friseurbesuch oder ein Verkaufsgespräch sein. Für Außenstehende mag das ganze vielleicht etwas creepy wirken, aber ich kann über meine Erfahrungen berichten.

Ich habe schlimme Schlafstörungen. Auch und vor allem durch meine täglichen Panikattacken, schlafe ich sehr schlecht ein. Ohne ASMR liege ich mehrere Stunden grübeln wach, bis ich dann einfach wieder Aufstehe, weil ich die Stille nicht ertrage. Mit ASMR dauert es meist weniger als 10 Minuten, bis ich total angstfrei einschlafe. Ich habe festgestellt, dass ich auf einige Dinge sehr stark und auf einige Dinge gar nicht reagiere. Ich mag zum Beispiel Soundslices. Das sind bestimmte Geräusche, die ich mit Entspannung verknüpfe. Das Strickvideo, das ich oben verlinkt habe, war eins davon. Ein anderes ist dieses Video, in dem ein Karton gestaltet wird. Gleichzeitig mag ich auch „Soft Spoken“ Vlogs. Also Videos in denen Leute über ihren Alltag reden, aber entweder flüsternd oder sehr leise und ruhig sprechend. Was ich allerdings gar nicht mag, sind Personal Attention Videos, denn auch im echten Leben gehe ich solchen Situationen gern aus dem Weg. Ich mag es nicht im Mittelpunkt zu stehen und „bemuttert“ zu werden. Daher brauche ich das auch nicht in Videos.

Ich habe mir mittlerweile einige Soundfiles auf mein Smartphone geladen. Wenn ich das Haus verlassen muss, spiele ich sie einfach ab, schalte die Welt um mich herum etwas ab und versuche mich zu entspannen. Und es funktioniert. Ich bekomme wieder mehr Schlaf und kann das Haus entspannter verlassen. Zwar helfen die Videos nicht, Panikattacken komplett zu verhindern oder zu heilen, aber sie eskalieren einfach nicht mehr so stark. Mit mehr Schlaf habe ich dann auch keine dünnen Nerven, bin nicht mehr so schreckhaft, und bekomme Dinge besser auf die Reihe.

Ich bin froh, dass ich im Internet ASMR gefunden habe, denn das ist ein typischer Fall von „Manchmal braucht es keine großen Wissenschaftler, um ein Leiden zu verringern, sondern nur eine engagierte Community, wie die der ASMR-Artist“. Ob ihr selbst ASMR empfinden könnt, kann ich euch leider nicht sagen. Wenn ihr aber durch bestimmte Geräusche oder visuelle Reize beruhigt werden könnt, dann ist es gut möglich, dass ihr ASMR-empfänglich seid. Probiert einfach mehrere Videos aus. Sollte nichts passieren, dann seid nicht traurig. Manchmal klappt sowas und manchmal klappt es nicht. Was aber wichtig ist – selbst wenn es bei euch nicht klappt, versucht euch nicht über diejenigen lustig zu machen, die durch ASMR wirklich Hilfe bekommen. Oft liest man in den Kommentaren, dass die Zuschauer denken, es sei in irgendeiner Weise falsch, sich besser zu fühlen. Als sei ASMR eine „perverse“ Sache, die man nicht zugeben darf. Für mich ist es eine kleine Heim-und-Notfalltherapie, die mich schon viele Male aus Löchern herausgeholt und gerettet hat. Internet sei dank.

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7 Kommentare

  1. Warum sollte jemand was gegen ASMR sagen? Im Gegensatz zu Homöopathie kann ASMR wirklich funktionieren.

  2. Danke für den Beitrag. Werde ich demnächst (hoffentlich kommt dieser Moment nicht zu bald) mal testen. Trotz Meds bin ich meine Probs nie ganz los geworden. Man entwickelt zwar eigene Techniken, ich adaptiere aber gern auch neues.

  3. Ich habe zwar keine Panikattacken oder Schlafstörungen, höre mir zur Entspannung und Runterkommen aber gerne ASMR und soft spoken videos an. Mein derzeitiges Lieblingsviedo ist sogar von Heather Feather. 🙂 .

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  5. Ich komme hier über deinen gerade aktuellen Artikel mit Fischmann “Deep One Dave” hin und deinen Artikel schickt der Himmel, da ich gerade eine Person in meinem näheren Umfeld habe, die akut unter Panikattacken leidet. Abgesehen davon, dass ich zu professioneller Hilfe geraten habe, kann ich ihr nun auch diesen Tipp geben. Danke 🙂

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  7. Kennst du das Buch „die Berufung für Hochsensible“? Ohne dich weiter zu kennen, habe ich das Gefühl, dass es dir helfen könnte 🙂

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