Das ganz normale Chaos

haare

„Was willst du eigentlich sein?“ – „Alles und mehr!“

| 14 Kommentare

Unsere Kindheit war ein einfaches  Alter. Nicht für unsere Eltern, aber für uns. Wir waren einfach wir. Wenn es uns schlecht ging, brüllten wir es heraus, wenn es uns gut ging, lachten und tanzten wir. Wenn wir singen wollten, sangen wir. Wir waren mehr oder weniger glücklich mit dem, was wir hatten und waren.

Je älter man wird, desto wichtiger scheint es zu sein, sich an Regeln zu halten, einer gewissen Norm zu entsprechen, nicht aufzufallen. Man befindet sich dann vor allem beim Heranwachsen in einem ständigen Tanz zwischen gesellschaftlicher Anerkennung und persönlicher Unsicherheit. Wir wollen anerkannt werden, wir wollen von anderen Menschen das Gefühl bekommen verstanden, gebraucht und geschätzt zu werden.

Wer einmal die Anerkennung genossen hat, wird verstehen, wie unglaublich befreiend dies ist. Das hat nichts damit zu tun, sich jemandem anzubiedern und in seinen Augen gut darstehen zu wollen. Es ist vielmehr ein Grundbedürfnis in dem wir unsere Motivation finden, jeden Morgen aufzustehen und das zu tun, was wir tun müssen.

Im Zuge der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft und derAnerkennung selbiger, entsteht auch die Frage nach dem eigentlichen Ich. Wir bekommen vorgelebt, dass sich Menschen in Schubladen stecken lassen. Das ist nicht nett, aber das macht jeder von uns automatisch. Unser Gehirn braucht diesen Vorgang. Unser Gehirn ist nicht politisch korrekt. Unser Gehirn ist direkt. Und bei der Frage nach Schubladen, denkt sich jeder mindestens einmal in seinem Leben „In welche Schublade möchte ich bei anderen Leuten gesteckt werden?“

Natürlich können wir das nicht beeinflussen, denn jeder Mensch erstellt seine Schubladen aus eigenen Erfahrungen und Vorlieben heraus, aber zumindest versuchen wir unser bestes Bild abzugeben, um nicht unrechtmäßig schlechter abgestempelt zu werden, als wir von uns denken.

Passt keine Schublade, entsteht Angst

In diesem Vorgang des Sortierens kann es durchaus einmal vorkommen, dass Menschen sich nicht einsortieren lassen. Einfach weil sie so anders oder so vielfältig sind. Das macht Menschen Angst. Man erscheint ihnen als unberechenbar. Ich stoße immer wieder auf Leute, die beim Versuch mich einzusortieren für sich scheitern.

„Du hast ein Beautyblog, dann bist du Beautybloggerin“ – „Eigentlich blogge ich auch über Videospiele, Technik, Katzen und Lyrik

„Du wohnst auf dem Dorf, dann bist du also ein Landkind“ – „Ich bin erst vor einigen Jahren hergezogen und in der Stadt groß geworden“

„Du hörst Metal? Dann bist du doch so ne Braut, die nur harte Musik cool findet.“ – „Ich höre eigentlich auch gern Tori Amos, Klassik, Oper und sogar vergangene Popmusik“

„Du hast auf Twitter viele Follower, du bildest dir bestimmt total viel darauf ein.“ – „Ich hab zwar die Zahlen gezwungenermaßen im Augenwinkel, aber ich finde die Texte viel wichtiger als die Zahlen.“

Seit einigen Wochen habe ich sehr viel direkten Kontakt zu meinem Netzwerk und es lässt sich nicht vermeiden, dass in Gesprächen Sätze wie „Du bist doch bestimmt so eine die…“ fallen. Meist bin ich dann immer sehr verwundert, wie sehr sich die Außenwahrnehmung meiner Person von meiner eigenen Wahrnehmung unterscheidet, denn ich für mich bin immer noch das Mädchen, das planlos Texte ins Internet schreibt uns sich freut, wenn sie jemand lesen will. Es ist mir teilweise sogar recht unangenehm, wenn Leute aufgrund irgendwelcher Dinge, die sich über mich zu denken wissen, anders mit mir umgehen, als sie es normalerweise tun würden.

Einmal fiel in so einem Gespräch der Satz „Was willst du eigentlich sein?“ und er übermittelte parallel die Verzweiflung des Fragenden, mich nicht einordnen zu können. Meine Antwort war „Alles und mehr!“

Bevor ich anfing aktiv im Netz zu sein, habe ich mir bei jeder Entscheidung vorgestellt, wie diese mein Bild von mir selbst  verändern würden und ich habe gemerkt, dass mich meine eigenen Ideen und Vorstellungen von mir nur sehr einschränken.

Als ich das Bloggen begann, fragte ich mich „Bin ich eigentlich eine Bloggerin?“ Glücklicherweise war das zu einer Zeit, in der sich zwar bereits einige Blogger als solche herauskristallisiert haben, ich fand aber niemanden, der meine Vorstellung von der Tätigkeit und meiner Person in Kombination, erschüttert hätte. Also wurde ich Bloggerin und als solche wahrgenommen. Irgendwann kam Twitter und ich fragte mich wieder das Gleiche „Bin das ich?“. Ich bekam meinen ersten Job als Techbloggerin und machte mich selbstständig. Das war vermutlich die größte „Bin das ich?“-Frage in meinem ganzen Leben.

Blicke ich jetzt zurück, passe ich nicht mehr in meine eigene Schublade. Ich will in diese Schublade auch nicht mehr passen, selbst wenn es damals alles einfacher war. Ich will nicht dass ich mich auf ein Thema beschränken lassen kann. Ich will vielschichtig sein und bleiben. Ich will Alles sein und wenn ich das bin, dann möchte ich mehr werden. Das als Ausdruck meines Willens immer zu lernen und mich inspirieren zu lassen.

Manchmal sitze ich hier, in der Playlist wechseln sich Elvis, Nina Simone, Johnny Cash und diverse Black Metal Bands ab, dazu schreibe ich Artikel über Katzen oder Schminkkram oder ich mache mir Gedanken übers Leben. Dann geht es mir gut. Ich will kein künstliches Bild bei den Menschen erstellen, denn dann kann ich sie nur enttäuschen. Ich will ich sein und bleiben. Ich möchte zu Black Metal in der Wanne liegen und entspannen oder zu Beethoven Gemüsesuppe kochen. Ich möchte einen Tag in Schwarz aus dem Haus gehen können und am anderen Tag flippig bunt, die Blicke auf mich ziehen. Ich will Kind und Erwachsene sein. Ich will singen, tanzen aber auch einmal schweigen können.

Mein ganz normales Chaos.

 

Das könnte dich auch interessieren:

  1. Wieso willst du eigentlich abnehmen? Du bist doch gut wie du bist!
  2. Playlist 2012 – Musik fürs Herz und alles andere
  3. Desserts/Nachtisch wieso es das bei mir nicht gibt und was eigentlich dahinter steckt
  4. Alles überlebt!
  5. Schon wieder alles vorbei

14 Kommentare

  1. Pingback: /|(;,;)/|

  2. Pingback: TiiaBloggt

  3. Pingback: Jürgen Messing

  4. Du passt super in die gut gemischte Ricardaschublade! 😀 Ich freu mich auf dich!

  5. Find‘ ich gut. Und ist doch eigentlich ganz einfach. 😉

  6. Vielen Dank dir für diese schönen, offenen Worte. Ich mag diese nachdenkliche Seite des Bloggens sehr und denke selbst oft darüber nach. Dieselben Fragen schwirren mir auch durch den Kopf, denn privat mag ich des öfteren gerne mal der Haudrauf sein, aber als eine Freundin von mir vor einem Monat per Google auf meine geheime Bloggeridentität xD traf, fühlte ich mich ertappt… und dann wieder verwundert, warum ich mich so fühlte. Sie nahm mir die Angst und sagte „wieso, da du ja schreibst, wie du sprichst und wie man dich kennt, machst du niemanden was vor“. Ich denke, Intigrität ist etwas, das man klar von dem „Bild von außen“ trennen muss. Die Frage danach ist wichtig, aber man sollte sie einzig und allein mit sich und seinem Bauchgefühl ausmachen.

  7. Zu viele menschen versuchen in die Schubladen der Gesellschaft zu passen.
    Dabei sollte man das Leben damit verbringen seine eigene Schublade zu zimmern. Die Schublade mit dem Namen Ricarda drauf!

  8. Pingback: Michele Capobianco

  9. Pingback: Johnnyr

  10. Ah cool darüber haben wir diese Woche gerade gesprochen. Wie man z.B. auf andere wirkt. Ich höre Metal also bin ich gleich ein ganz harter und böser, stimmt ja aber gar nicht, ich höre zwar harte music aber nicht denn ganzen Tag und meistens nur nebenbei, egal abgestempelt.

    Wenn man dann mal was andere hört wird man gleich schief angeschaut, du? kannst doch nicht! 🙂

    Ich war früher auch so, es gab nur das eine und kein links und rechts, auch und gerade wegen anderen. Inzwischen habe ich das abgelegt und mach was mir gefällt auch wenn es einigen nicht passt und wenn ich meinen Stil/Meinung dreimal am Tag ändere. Gerade ältere Kollegen kommen damit nicht klar, sie haben immer das gleich leben und trauen sich nicht auszubrechen.

    Mir gefällt gerade das an deinem Blog das du so vielfältig bist und Gegensätze zu läßt.

  11. Pingback: @kleinenbroicher

  12. Pingback: Michael Kupfer

  13. Ich mag es, wenn Menschen nicht so einfach einzusortieren sind. Du bist Du, lass Dich nicht verbiegen.

  14. Dazu passt auch schon das mittlerweile sehr abgedroschene Sprichwort:“Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom“. Ich habe außerdem das Gefühl, dass in der heutigen Gesellschaft das Fischsterben rapide zugenommen hat ;).

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: