Das ganz normale Chaos

Religionsausübung, Beschneidung, Entfremdung oder wieso Religionen nicht zeitgemäß sind

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Die Katholische Kirche und ich. Ein Trauerspiel in mehreren Akten

Ich bin katholisch. Zumindest auf dem Papier. Geboren im streng katholischen Sauerland, waren meine ersten Erfahrungen mit der Kirche nicht unbedingt positiv. Nach meiner Geburt sollte ich getauft werden, aber die Kirche in meiner Heimatstadt weigerte sich, weil ich nicht in einer Ehe geboren wurde und man keinen Bastard zusammen mit den anderen ehelichen Kindern taufen wollte. Man bot an, mich irgendwann mittwochs vor der „Hausfrauenmesse“ kurz unters Wasser zu halten. Meine Mutter lehnte ab.

Getauft wurde ich dann mit vier, zusammen mit meiner kleinen Schwester im weniger prüden westfälischen Soest. Sie hatten kein Problem damit und so bin ich eine der wenigen Katholiken, die ihre Taufe aktiv miterlebt haben. Im Nachhinein betrachtet hätte ich hierauf verzichten können. Meine Erfahrungen mit der Kirche wurden später nicht besser.

In der Grundschule hatte ich dann Religionsunterricht. Ich empfand Religionsunterricht immer als seltsam. Es wurde über Dinge diskutiert, die in meinem Kopf keinen Sinn machten. Ich mochte diese angespannte Stimmung selbst in der Schule nicht. Mein Lehrer war eigentlich noch sehr jung, aber streng gläubig. Einmal die Woche bekamen wir in der Grundschule Ärger, wenn er uns nicht im Gottesdienst gesehen hatte. Am Anfang der Stunde zählte er alle auf, die nicht da waren und wir mussten uns irgendeine Ausrede überlegen, wieso wir nicht da waren. Meine Eltern legten nie einen großen Wert auf die Kirche und wenn ich ihnen als Kind sagte, dass ich aus Angst in den Gottesdienst wollte, damit ich in der nächsten Woche vor der Klasse nicht wieder bloßgestellt werden würde, ignorierten sie das. Heute bin ich froh darüber, damals war ich auf sie sauer.

Dann kam der Zeitpunkt, an dem die heilige Kommunion anstand. Kinder finden die Kommunion eher langweilig. Die meisten freuen sich über Geld und Geschenke. Im Rahmen der Kommunionsvorbereitung mussten alle Kinder zur Beichte. Dafür wurden wir sogar vom Unterricht freigestellt. Man sagte uns vorher nichts, sondern meinte „Alle, die dieses Jahr zur Kommunion gehen, packen ihre Sachen und kommen jetzt mit“. Ich glaube das war das erste Mal, dass ich bewusst eine Panikattacke hatte, weil ich Angst vor der Situation hatte. Wir saßen alle in dieser großen Kirche und ich hätte am liebsten geweint und wollte nach Hause. Wir bekamen einen Infozettel, wieso wir beichten müssten, wieso wir schlechte Menschen seien, wenn wir es nicht täten und bekamen dann praktischerweise einen Katalog mit Dingen, die als Sünden zählten. Es waren ungefähr drei Din A 4 Seiten mit alltäglichen Dingen, die dem lieben Gott nicht gefallen.

Ich war nie ein besonders schlechtes oder gemeines Kind. Ich schaute in das Heftchen und überlegte, was ich dort drin fand, was ich böses gemacht haben könnte. Kurz bevor ich an der Reihe war (ich fühlte mich wie Schlachtvieh in einer Warteschlange, das von der Ferne das Bolzenschussgerät sah) wählte ich einfach irgendwas, weil ich wusste dass eine erfundene Sünde besser sei, als zu sagen, dass einem nichts einfällt. Ich weiß noch heute welcher grausigen Schandtat ich mich schuldig bekannte: „Ich höre zuviel Musik.“ Während des Beichtgesprächs zitterte ich, hörte dem Pfarrer gar nicht zu, weil ich selbst fand, dass Musikhören nichts schlechtes ist. Er sagte mir, ich sollte weniger Musik hören und mehr die Bibel lesen. Wir hatten ja nicht einmal eine Bibel zuhause.

Ich sollte zur Sündenbereinigung irgendein Gebet aufsagen, tat ich aber nicht. Ich ging aus dem Beichtzimmer heraus und mir war schlecht.

Meine Kommunion selbst sah ich dann eher als eine Art Theaterstück. So wurden wir auch behandelt. Die Hälfte der Vorbereitung bestand darin, dass wir auswendig lernen sollten, wie wir wann durch die Kirche zu laufen hätten. Vom Sinn dieser Veranstaltung habe ich heute nichts mehr im Kopf behalten. Naja es gab Kuchen.

Meine ältere Schwester sollte später gefirmt werden. Firmung ist auch so ein Katholikending. Da gibt es nochmal Geld und Geschenke. Meine ältere Schwester ist ein lieber Mensch, hat aber eine Behinderung. Das tut ihrem lieben Wesen natürlich keinen Abbruch, ist aber für die Kirche ein Problem gewesen. Das war auch der Grund, wieso die Kirche abgelehnt hat, sie zu firmen. Sie wäre ein Ballast in der Firmungsgruppe und alle anderen müssten ja auf sie Rücksicht nehmen. Nachdem meine Mutter am Telefon mit der Leiterin der Firmgruppe schimpfte und sagte, dass der Spruch „Lasset die Kinder zu mir kommen“ heißt und nicht „Lasset bitte nur gesunde Kinder zu mir kommen.“ war beschlossen, dass sie nicht gefirmt werden würde. Mir blieb dieses Schicksal auch erspart. Das erste Mal, dass sich meine Mutter gegen die Kirche aufgelehnt hat und es fühlte sich richtig an.

Auch jetzt sehe ich Kirche, vor allem die katholische nicht unbedingt als etwas negatives. In meinen Augen ist es eher ein inkompetenter Chaotenverein, aber auch dort gibt es vermutlich Leute, die Gutes tun. Ich bin zwar noch keinem begegnet, aber es ist ja wie mit Gott. Die glauben auch dran, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben.

Meine Entscheidung basierend auf meiner Erfahrung

Durch meine Geschichte mit der Kirche habe ich schon früh einen Entschluss gefasst. Kinder und Religion passen nicht zusammen. Religion bevormundet Kinder. Religion will Kindern einen Gedanken in dem Kopf pflanzen, der nicht unbedingt zu ihnen passt. Sollte ich einmal Kinder bekommen, dann bleiben sie ungetauft. Wenn sie später im Erwachsenenalter irgendwann einmal entschließen, sich doch irgendeiner religiösen Gruppe anschließen zu wollen, können sie das gerne machen, aber wer bin ich denn, dass ich das für sie entscheiden dürfte.

Womit wir beim Thema Beschneidung wären

Ich hatte irgendwann die Tage auf Twitter geschrieben, dass ich jegliche Religionen ablehne, bei denen irgendjemandem irgendwas abgeschnitten wird. Mir fehlt dazu vielleicht der spirituelle Geist oder ich bin zu rational, um zu verstehen, wieso Eltern im Namen der Religion an ihren Kindern rumschneiden lassen. Aufgrund meiner Einstellung weiter oben käme sowas für mich nie in Frage.

Mich nerven dann auch die Argumente „Die Frauen mögen sowas“ oder „Die Freundinnen deines Sohnes werden es dir danken“. Geht es im Endeffekt also doch wieder nur um Sex bei der Sache? Ich bin eine Frau und kann sagen, dass es mir völlig egal ist ob beschnitten oder nicht. Ich verstehe zwar, dass religiöse Menschen sich dadurch angegriffen und eingeschränkt fühlen, aber wie beide Parteien teilweise aufeinander zugehen, finde ich ebenfalls unpassend.

Wer für Beschneidung ist, der ist ein Kinderquäler und wer gegen Beschneidung ist, der ist ein Antisemit. Genau das wird derzeit so diskutiert. Und genau das stimmt nicht. Kinder werden nicht beschnitten, weil die Leute einen Spaß daran haben, Kinder zu quälen. Und Beschneidungsgegner sind nicht dagegen, weil sie Juden oder Moslems hassen. Beide Parteien denken an das Kind und wollen von ihrem Standpunkt aus gesehen das Beste für das Kind und verteidigen diese Einstellung oftmals mit sehr unsachlicher Argumentation. Das hilft aber weder der Diskussion, noch der Sache an sich.

Jetzt ist die Politik gefragt, aber hier ist die Ernüchterung bei mir eher groß. Gewinnen wird nämlich der, der am lautesten schreit und ich befürchte Deutschland ist in den Augen der anderen lieber Kinderquäler als Antisemit.

Was wäre zeitgemäß?

Ich erinnere mich an eine Fernsehdiskussion mit einer Dame von dieser komischen Papst-Fangruppe als es darum ging, wieso die Kirche nicht zeitgemäßer sei. Sie antwortete, dass die Kirche nicht zeitgemäß zu sein hat, weil sie ein Grundpfeiler des Glaubens ist und sich dieser nicht ändern dürfe. Fand ich in vielerlei Hinsicht Unsinn, vor allem in Hinblick auf die Rolle der Frau in der katholischen Kirche, aber das was sie gesagt hat, spiegelt sich in allen Religionen wider.

Religion ist weder zeitgemäß, noch hat sie vor es zu sein. Wir entwickeln uns weiter, die Religionen klammern sich stark an Dinge, die nicht mehr in unsere Zeit passen und deswegen haben wir diese Art von Diskussionen. Wir wissen, dass Kinder nicht verletzt werden dürfen, aber die Religion darf das, weil sie die Religion ist. Dann suchen wir uns irgendwelche rationalen Gründe um es zu befürworten und hoffen, dass es schon irgendwie passt.

Kinder sollten aus der Religion herausgehalten werden und ihnen sollte erst später die Wahl gegeben werden, ob und welche Religionsart sie wählen wollen. Das würde dann auch das Thema Beschneidung mit einbeziehen. Wenn ein Junge mit 14 oder 15 immer noch in der Religion mitspielen will, soll er sich selbst dafür entscheiden, dass an ihm rumgeschnippelt wird. Dann sehen wir ja, wie weit es mit dem Glauben bestellt ist.

Sind die Menschen nicht mehr gläubig?

Und ob sie das sind, aber sie wählen keine Religionen mehr. Menschen suchen sich innerhalb ihres Lebens Dinge, an die sie glauben können und die sie voller Inbrunst verteidigen. Wer glaubt, dass dieser ganze „Fanboy-Kult“, egal worauf bezogen, ein Zufall sei, der irrt. Menschen suchen Ersatzreligionen. Auch die versuchen sie mit rationalen Argumenten zu bestärken, denn „ich glaube“ ist in unserer Zeit eher ein „ich weiß es nicht besser“ geworden.

Ich entdecke in so vielen Lebenskonzepten religiöse Grundzüge. Auch im Vegetarismus und Veganismus zeigen sich teilweise sehr fanatische Anhänger, die der Meinung sind missionieren zu müssen. Gleichzeitig wird sich innerhalb dieser Gruppierung gegenseitig auf die Finger geschaut und direkt laut geschrien, wenn etwas passiert, was nicht ins eigene Weltbild passt. „Veganerpolizei“ wird das zum Beispiel scherzhaft genannt. Und wer sich einmal vegane Blogposts durchliest oder Videos schaut, wird feststellen, dass sie immer und überall anwesend ist und dem Vorzutragenden ermahnt, bloß noch veganer zu sein.

Genauso wie es im Christentum aber auch lockere und gemäßigte Menschen gibt, die kein Problem mit der modernen Welt haben, gibt es auch im Fanboy-Lager und beim Vegetarismus/Veganismus Menschen, die andere nicht verurteilen, weil sie anders sind. Das ist genau die Einstellung, die wir alle besitzen sollten.  Leben und leben lassen.

Fazit, wenn es denn sowas geben kann

In Diskussionen kann es manchmal helfen, wenn man versucht den Standpunkt des anderen zu verstehen. Das richte ich an beide Seiten. Ziel ist es eine Lösung zu finden und wenn zwei Parteien unterschiedlicher Meinung sind, ist ein Kompromiss wichtig. Kompromisse funktionieren allerdings auch nur dann, wenn beiden Parteien an einer Einigung gelegen ist. Derzeit sehe ich das noch nicht und so müssen wir uns vermutlich noch ein paar Wochen lang unsachliche Diskussionen verschiedener Leute im Fernsehen und Internet antun, bevor dem irgendwann ein Riegel vorgeschoben wird und ein neues Thema hochkocht.

Lesenswerte Links:

Mauerunkraut zum Thema Beschneidung

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  12. Mein Freund uns seine Geschwisster wurden nie getauft und ich wurde es eigentlich nur, weil man das halt so machen. Wir haben die gleiche entscheidung wie du getroffen. Unsere Kinder werden nicht getauft. Ich überlege nur noch, wie ich ihnen klar mache, warum alle anderen zur Komunion viele Geschenke bekommen wärend sie nicht mal Komunion feiern. ^_^ Vielleicht bekommen sie einfach so geschenke. 😀 Zur „Nicht-Komunion“ quasi!

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  17. Ich denke, dass Glaube, Religion und Kirche grundverschiedene Dinge sind, in der hiesigen Gesellschaft jedoch gern miteinander vermischt werden.

    Glaube halte ich für sehr wichtig, da er vielen (wenn nicht sogar allen) Menschen Halt gibt und hilft, das Leben zu meistern. An was man glaubt kann dabei sehr unterschiedlich sein…

    Religion ist etwas, dass durch Glaube getragen, jedoch von nahezu jedem der sich fur eine Religion entschieden hat, anders interpretiert und gelebt wird. Die Entscheidung für oder gegen eine Religion sollte jeder bewusst für sich selbst treffen dürfen können.

    Kirche wird leider oft mit Religion gleichgestellt was mAn vollkommen falsch ist. Die Institution Kirche ist für mich persönlich ein Relikt der Geschichte. Sie hat sich in den wenigsten Fällen weiterentwickelt und ist oftmals ein Apparat der sich letztlich um Dinge dreht, welche man nach aussen hin gern verteufelt und als unchristlich darstellt (zB monetäre Interessen, Lügen, Unterdrückung, Intoleranz etc).

    Letzlich soll jeder so leben wie er/sie möchte und glücklich ist. Freiheit sollte dabei jedoch ein hohes wenn nicht sogar das höchste Gut sein. Dabei darf man nicht vergessen, dass die Freiheit des Einen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

    zum Thema Beschneidung: wie Du schreibst, so ist sollte dies jeder Junge/Mann für sich selbst entscheiden wenn er alt genug ist, diese Entscheidung für sich selbst bewusst treffen zu können.

    • Die Frage ist, worauf will man den Glauben begründen? Wenn sich jeder im Christentum von der Kirche distanziert und sein eigenes Ding macht , ohne irgendwelche Grundlagen zu haben, ist das Christentum dann noch eine Religion? Gibt es dann feste Religionen oder ist „gläubig sein“ dann nur noch ein „erfüllter Zustand“, den man nicht so richtig erklären kann.

      Ich denke nicht, dass Glaube allen Menschen helfen kann. Im Gegenteil. Glauben ist für einige Menschen eine gute Ausrede nicht hinterfragen zu müssen. Deswegen sind religiöse Diskussionen auch immer sehr schwierig. „Weil Gott das sagt“ ist so ein Argument, was für mich nicht zählt.

      • Ich stimme deinem Blogbeitrag zu 99% zu.

        Deinem Kommentar aber nicht so ganz. Man kann durchaus an Gott glauben und gleichzeitig das Wissen besitzen, dass die Erde rund ist und das an der Evolutionstheorie was dran ist. Wie Steve schon sagt, gläubig sein, heißt ja nicht zwangsläufig, Fan der Kirche und deren Meinungen zu sein.

      • Glaube kannst du nicht begründen. Deshalb ist es ja ein „Glaube“.
        Er kann auch nicht jedem Menschen helfen, es ist aus meiner Sicht lediglich ein Notnagel, der einem in schwierigen Situationen den rettenden Halt geben soll.

        Religion und Glaube sind auch definitiv unterschiedlich. Bei Religion bin ich der Ansicht, dass es sich mittlerweile nur noch um kapitalistische Einrichtungen handelt.

  18. Du machst es jetzt auch: Du vermischst. Glaube ist für mich nicht an eine Religion gebunden sondern steht immer für sich selbst und ist so individuell wie der Mensch selbst.

    Glaube muss auch rein gar nichts mit allgemein als kirchlich/religiös geltenden Dingen zu tun haben. Jeder glaubt doch an irgendetwas. Und wenn es der Glaube ist, an nichts zu glauben…

    Jeder Mensch braucht etwas, das für das eigene Leben den Sinn stiftet. Der Glaube ist mAn die wichtigste Grundlage dafür. Das hat aber eben nicht zwingend etwas mit religiösem Glaube zu tun…

    Weisst Du was ich meine?

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  20. @sumi „Ich überlege nur noch, wie ich ihnen klar mache, warum alle anderen zur Kommunion viele Geschenke bekommen wärend sie nicht mal Komunion feiern.“ Ich glaube nicht, dass das irgendwie aufkommen wird, außer du wohnst in nem Dorf. Ich war nie bei der Kommunion, ich war in der Grundschule sogar vom Religionsunterricht befreit, irgendwelche Fragen musste ich mir deshalb nie anhören.

    Ich finde Glauben eine wichtige Sache, viele Menschen brauchen das und ich bin tolerant genug, um da kein Problem mit zu haben. Mir ist es egal, was andere Leute zuhause machen, wird es öffentlich ausgelebt oder gar missioniert, wird meiner Meinung nach eine Grenze überschritten. Gar nicht mag ich, wenn Kindern in irgendeiner Form ein Glaube aufgezwungen wird. Für Gläubige ist der Glaube das Wichtigste auf der Welt, gerade deshalb sollte man jedem die Entscheidung selbst überlassen. Glaube kann nicht erzwungen werden, denn dann ist es kein Glaube.

    Zur Beschneidung kann und will ich eigentlich nicht viel sagen. Ich finde die ganze Diskussion sehr anstrengend. Guckt ihr keine Serien oder Filme? In den USA ist so gut wie jeder Mann beschnitten und es hat nichts mit der Religion zu tun. Als Mensch, der in Düsseldorf aufgewachsen ist (klingt das jetzt doof?) kenne ich sehr viele männliche Türken und schon in der Grundschule war Beschneidung ein Thema, weil das nunmal bei einem Drittel der Schüler relevant war. Von denen hatte nie jemand ein Problem damit. Ich bin da sehr zwiegespalten. Klar mag das ein unnötiger Eingriff sein, aber das ist eine Mandel-OP, wie sie Ärzte so gerne vornehmen, wenn man mal 2x ne Mandelentzündung hatte, auch. Meine Kieferorthopädin wollte mir auch immer die Weisheitszähne rausoperieren, einfach nur weil „braucht man ja nicht und könnte in Zukunft Probleme machen“.

    Klar, das kann man alles nicht so vergleichen, aber ich finde, man muss sich auch nicht künstlich aufregen, nur weil eine Religion dahintersteht.

    • Würde keine Religion dahinterstehen, wäre die ganze Sache vermutlich kein Thema, weil ohne medizinische Indikation so ein Eingriff schwer zu rechtfertigen ist.

      • Wie gesagt, in den USA ist es immer noch Standard und auch die WHO hat es einige Zeit lang aus hygienischen/gesundheitlichen Gründen empfohlen. Das hat sich jetzt wohl wieder geändert, aber Tatsache ist, dass schon Millionen Menschen gegen ihren Willen beschnitten wurden und es hatte dabei nie etwas mit Religion zu tun. Gesagt hat soweit ich weiß niemand was. Ich hab auch noch nie gehört, dass sich eine beschnittene Person nachträglich drüber aufgeregt hätte. Aber klar, es ist sinnvoller, damit zu warten, bis die Kinder alt genug sind, das selbst zu entscheiden, man sollte überhaupt nichts gegen den Willen eines Kindes tun, was nicht absolut notwendig ist.

        • Zum Thema „nachträglich aufgeregt“. Diese Männer gibt es. Allerdings ist das kein Thema mit dem Man(n) hausieren geht und das er jedem auf die Nase bindet. Ich hab vor einigen Wochen einen Blogartikel einer Mutter gelesen, deren Sohn beschnitten wurde. Allerdings aus medizinischen Gründen. Sie beschreibt sehr detailliert das Trauma des Jungens, welche Schmerzen er durchleben musste. Leider habe ich den Link nicht mehr, dann würde ich ihn dir schicken. Wenn ich ihn finde reiche ich ihn nach.

        • Die hohe Menge an beschnittenen Männern in den USA liegt aber an der großen Menge an jüdischen Einwanderern und jüdisch geführten Kliniken. Die Hohe Beschneidungsrate ist in den USA eine recht „moderne“ Erscheinung.

          Dennoch rechtfertigt es in meinen Augen nicht die Sache an sich….weils immer so gemacht wurde ist nunmal kein Argument 😉

  21. Woran der einzelne glaubt, sollte ihm überlassen sein. Und manch Einer weiss es selbst auch erst dann woran er wirklich glaubt, wenn er in auswegloser Situation um Hilfe bittet.

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  23. Pingback: Gentlesven

  24. Mal wieder ein sehr schöner Artikel!

    Das mit der Definition von Glauben ist so eine Sache, da habe ich auch schon mit einigen Leuten ziellos drüber diskutiert. Ich gehöre allerdings auch eher zu der Partei, für die Glaube und Religion nicht das gleiche sind. Aber das kann ja jeder sehen wie er mag.

    Für mich ist Religion irgendetwas zwischen „Glauben im Verein“ und „Wir glauben nicht nur, wir wissen, dass wir recht haben!“. Es gibt Regeln, Satzungen und mutmaßliche Wahrheiten. Ein starres Gebilde, das vielleicht manchen hilft sich mit ihrer Art von „Glauben“ dort festzuankern, aber viele werden dadurch auch einfach nur einsperrt. Es ist die Dogmatisierung von etwas, das mal Glauben war.

    Glaube ist mehr ein Gefühl, vielleicht auch einfach ein „da ist Etwas“-Wunsch, der Menschen begleitet. Dabei ist es egal wie dieses „Etwas“ heißt“, ob es überhaupt ein „Etwas“ ist, ob es eines oder mehrere ist, wie es aussieht, was es ausmacht – das ist egal. Vielleicht finden einige Menschen den gleichen Namen für ihr „Etwas“, vielleicht auch nicht, vielleicht braucht es auch gar keinen Namen. Vielleicht bringt mich mein Gefühl oder mein Glaube dazu Dinge auf eine bestimmte Weise zu tun, vielleicht ist es aber auch nur das, was man „Gewissen“ und „gesunden Menschenverstand“ nennt. Aber genau das ist es, jeder kann glauben, was er möchte … jeder SOLL glauben, was er möchte, denn Glauben braucht keine Doktrin!

    Jemand hat mal zu mir gesagt: „Religion und Glaube ist nur was für schwache Menschen, die mit der Realität nicht klarkommen!“ – Kann man so sehen, muss man aber nicht – denn man kann durchaus an was glauben und trotzdem mit beiden Füßen in der Realität stehen. 😉

    Jetzt hab ich viel zu viel getippt … was ich eigentlich sagen wollte: Glaube, yay! Religion, nay! Oder so ähnlich …

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  28. Tja – schön zu lesen. Ich habe mit 9 Jahren das gleiche erlebt. Zwangsbeichte. Tenor des Pastors, Du musst doch was gemacht haben. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Er hat mir dann Vorschläge gemacht – hast Du Deine Mutter angelogen? – hast Du Deinen Bruder gehauen? Da konnte ich zustimmen, den hatte ich gehauen, und damals wie heute war ich überzeugt das ers verdient hatte. Also habe ich weitergelogen das ich es bereue und eine Anzahl Rosenkränze als „Strafe“ bekommen. Fazit: meine erste und einzige Beichte war eine Lüge, das müsste ich mal beichten. Die Wahrscheinlichkeit das eine Person (nennen wir sie imaginär JC) die vor 2000 Jahre versucht hat Leute für soziale Themen zu begeistern heute Wert auf gelogene Beichten, Masturbationsverbote und abgeschnittene Vorhäute legt ist gelinde gesagt absurd. Das haben sich Menschen ausgedacht die es zu ihrem Vorteil brauchten – nicht mehr und nicht weniger. Danke für den Artikel 😉

  29. Meine Schwestern und ich sind auch katholisch getauft (auf Wunsch meines Vaters),
    sind auch alle zusammen zur Kommunion gegangen, wurden aber auch nicht gefirmt. Wir wurden von meiner ev. Mama allein großgezogen und ihr war die Kirche auch relativ egal. Religionsunterricht war locker, wurde aber abgewählt, soweit wir selbst entscheiden durften. Zu Beschneidungen: Ich finde die unnötig, bei Frauen sogar unmenschlich. Da gehört das bestraft.

  30. Toller Beitrag! Kann dir eigentlich in allem nur zustimmen. Und als ungetaufte war es gleichzeitig interessant und ein bisschen verstörend zu lesen, wie so eine Beichte bei so jungen Kindern abläuft… Das ist ja unmenschlich! Ich bin heilfroh dass meine Eltern mir das erspart haben, echt!

  31. Für mich ist der religiöse Glaube ein ähnlich rotes Tuch. Ich bin nunmal in Bayern/BaWü aufgewachsen. Als ich geboren wurde, wurde man eben getauft. In meinem Falle war das evangelisch. Das Problem war leider, das es in Bayern teilweise nur katholische Kindergärten zu dem Zeitpunkt gab. Somit wurden meine Schwester und ich kurzerhand einfach umgetauft.
    In der Grundschule musste man in den Religionsunterricht und in dem kleinen Kaff in dem wir lebten mussten wir auch einmal die Woche in den Schulgottesdienst. Das war teil des Stundenplans 😉
    Und eigentlich hab ich das als Kind immer gerne gemacht. Ich war auch noch als Jugendliche sehr engagiert in katholischen Jugendeinrichtungen (was ich nach wie vor toll finde).

    Meinen Bruch führten am Ende meine Großeltern herbei, die Wasser predigten und Wein tranken ;)…rassistisch die Straßenseite wechselten wenn ein anderesartiger Mensch auftrat, die mich verstießen als ich mich gegen die Firmung stellte etc.
    Die meisten Religionen sind für mich in ihrer nicht mehr zeitgemäßen Art und Anwendung in Permanenz heuchlerisch und ich persönlich werde nie nachvollziehen können wie man in diesen Religionen Offenbarung, Schutz oder Muße beziehen kann.

    Schaue ich mir z.B. die Diskussionen um die Beschneidung an, so sehe ich von Seiten der Juden/Moslems gegenüber dem Deutschen Staat eine permanente Unterstellung des Antisemitismus und des Hasses gegenüber anderen Religionen.
    Nun ist es leider in der Tat so, das der jüdische Glaube bzw. einen Bund mit Gott ohne die Beschneidung am 8. Tag ad absurdum geführt wird.

    Und da dreht sich das Blatt wieder das Religionen veraltete verstaubte nicht mehr zeitgemäße Reliquien sind….tja wie schade das Gott seit sovielen Jahrhunderten mit niemandem mehr spricht 😉

  32. Pingback: H-Enno-3

  33. Ich möchte nur kurz was zum Thema Bescheidung sagen. Die Berichtserstattung dieses Themas in den Medien hat mich ja sehr erschrocken.
    Nicht weil es so wirkt, als wäre es gerade „Hip“ darüber zu reden. (Wann haben wir, die Gesellschaft, uns das letzte mal darüber unterhalten ?)
    Nicht weil die einen „Hüh“, die anderen „Hot“ sagen. (Es wird immer verschiedene Meinungen geben)
    Nicht weil es immer auch mit Religion/ Glauben in Verbindung gebracht wird. (Es existiert kein wissenschaftlicher Beweis für einen Zusammenhang zwischen Religion und Beschneidung).

    Vielmehr erschreckt es mich, das über Beschneidung gesprochen wird, ohne das Thema in seiner Gesamtheit zu betrachten. Es wird ausschließlich über Zirkumzision gesprochen. Kein Wort, kein Hinweis, absolut nichts über z. Bsp. Klitoridektomie oder Vulvektomie. Als würde es dies garnicht geben.

    Es ist irritierend zu sehen, das letzteres in den meisten Teilen des Planeten geächtet wird, es den Tatbestand einer Straftat erfüllt (Europa) und jedes Jahr Millionen und abermillionen Dollar ausgegeben werden um dies zu bekämpfen.
    Es gleichzeitig, hübsch eingepackt in „Religionsfreiheit“, aber akzeptabel ist, solange es nur beim männlichen Geschlecht angewandt wird. Gibt es denn tatsächlich, in der Sache an sich, einen Unterschied ?

    Ich persönlich halte von Beschneidung nichts. Auch ist mir noch niemand begegnet, der mir einen rational logischen Grund für die Notwendigkeit dessen nennen konnte. Auch das Argument „Die WHO…“ zieht nicht.

    So, das musste ich mal gesagt haben. Wünsche allen eine schöne Woche 🙂

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  35. Meine Kinder sind beide getauft, nicht weil ich ein großer Gläubiger bin, eben halt auch weil es so gemacht wird – hört sich doof an, ist aber wahrscheinlich bei den meisten so. Allerdings habe ich als getaufte Katholikin, meine Kinder evangelisch taufen lassen – diese katholische Kirche und die total überholte Weltansicht derer, nerven mich. Ich wollte heiraten, mein Mann war bereits geschieden – in der katholischen Kirche ein no go – immerhin ist dieser Mann ja nicht geschieden, niemals, außer die Ex Frau stirbt – nun ja die Option sie eben um die Ecke zu bringen bestand nicht,also teilte ich diesem katholischen Pfarrer mit, was ich von der katholischen Kirche halte und ging. Der evangelische Pfarrer begrüßte uns und traute uns – bei den evangelischen ist man nämlich tatsächlich geschieden, wenn man geschieden ist.
    Zur Beichte, die ich ja auch ablegen musste in einem zarten Alter von 8 Jahren – 8 Jährige Kinder sind schon das böse in Person und es bedarf da auf jeden Fall einer Beichte – was sollen bitte 8 Jährige Kinder beichten, die meisten davon eher die Unschuld in Person… ich saß genauso da und überlegte was ich wohl beichten könnte…
    Zum Thema Beschneidung muss man nicht mehr viel sagen… ich wäre dafür, wenn sich was ändern würde, aber wie du schon schreibst… wahrscheinlich bekommt der Recht, der am Lautesten schreit… und das werden sicher nicht wir sein…

  36. Ich habe gestern Deinen Artikel gelesen.
    Es ist erstaunlich, wie identisch unsere Erfahrungen sind. Also der Schulunterricht, die Kommunion …
    Allerdings war das Ganze bei uns noch ein bisschen drastischer, da der Pastor Anwender der körperlichen Züchtigung war.
    Heute denke ich: Religion? No, thanks.

  37. Ich habe so ungefähr den gleichen Weg durchgemacht, nur auf die muslimische Art und Weise.
    Religionen sind meiner Meinung nach nur etwas für unreife Menschen, die keinen eigenen Sinn finden oder Angst haben, eigene moralische Grundsätze zu vertreten.

  38. „Ich bin katholisch. Zumindest auf dem Papier.“
    Man kann sonst auch austreten.

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