Das ganz normale Chaos

„Pass auf, die Männer“ – Mädchen müssen Angst haben

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Immer, wenn ich unterwegs bin, mache ich mir viele Gedanken. Ich hinterfrage Verhaltensweisen (anderer aber vor allem meine eigenen) und hoffe Antworten darauf zu finden. Antworten, wieso ich über bestimmte Dinge so denke, wie ich denke und wieso die Gesellschaft gewisse Ansichten vertritt. 

„Pass auf, die Männer.“ war ein Standardspruch mit dem ich großgeworden bin. Ein Spruch, der mich auch noch aus meiner Pubertät heraus begleitete. Das erste Mal begegnete er mir in einer abgewandelten Form in der Grundschule. An einem langen Schultag wurde ich vergessen abzuholen. Ich wartete gefühlte 2-3 Stunden an der Bushaltestelle, dass ich endlich nach Hause gebracht werden würde. Zuhause hörte ich nur, wie meine Mutter sagte „Sie ist blond und steht da allein herum. Da hätte alles mögliche passieren können.“ Blondsein als potentielle Gefahr für mich. Ich wusste damals nicht was sie meinte und in welchem Zusammenhang es stand, aber heute begreife ich es schon.

Später in der Pubertät wurden Kleidungsstücke, die ich sehr mochte als „Damit machst du die Männer wild, das darfst du draußen nicht anziehen, sonst passiert dir was“ kommentiert. Auch wenn der Spruch es nur gut meinte, in mir veränderte er etwas. Mein Denken darüber, welche Wirkung ich auf andere erziele und dass ich daran die Schuld tragen könnte.

„Nimm nichts von Männern an“, „Geh mit keinem Mann mit“, „Steig zu keinem Mann ins Auto“, „Wenn dich ein Mann anspricht, geh einfach weiter“. Der Begriff „Böse Männer“ war ein allgegenwärtiges Bedrohungsszenario.

Männern generell mit Vorsicht begegnen. Es sind eben Männer. Damit bin ich also aufgewachsen und dieser Vorsichtsgedanke prägte auch lange mein Denken. Nicht nur, dass ich zu ihnen lieber Abstand hielt, sondern dass ich auch unkritischer an Frauen herantrat. Was hatte ich davon? Die größten Verletzungen und Enttäuschungen (mal abgesehen von ein paar Exfreund-Fehlgriffen) erlebte ich mit Frauen, Freundinnen oder das was ich dafür hielt.

Blond bin ich nicht mehr. Es stellte sich heraus, dass Blondinen tatsächlich wie Freiwild behandelt werden und seit ich mir die Haare färbe, hat dies glücklicherweise nachgelassen. An meiner Sicht Männern gegenüber, arbeite ich. Aber es ist schwer, wenn man damit groß geworden ist. Heute kann ich glücklich sagen, dass die wichtigsten Menschen in meinem Leben fast alles Männer sind. Freunde, die ich nicht mehr missen will und mit denen eine Freundschaft so unglaublich unkompliziert ist.

Ich kleide mich auch bei weitem nicht mehr so unauffällig wie damals. Irgendwann gesteht man sich ein, dass „sich verstecken“ und „verstellen“ nur zu einem führt: Man ist unglücklich mit sich selbst. Wer ein Lieblingskleidungsstück hat, wird wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn man es trägt.

Aber auch heute empfinde ich fremde Männer immer noch als bedrohlicher als fremde Frauen und das obwohl beide das gleiche Gefahrenpotential bergen. Dass das so tief in mir verwurzelt ist, bringt mich zu einem Fazit. Wir müssen aufhören, unseren Kindern solche Angst in den Kopf zu pflanzen. Das ist wie Unkraut. Das bekommt man nie richtig weg. Es wird immer da sein und immer einmal wieder durchbrechen. Kinder sollen vorsichtig sein und aufmerksam, ja. Aber wir müssen aufhören ihnen Stereotypen gefährlicher Menschen in den Kopf zu setzen. Es gibt keinen Stereotyp

„Pass auf, die Männer“ höre ich heute nicht mehr. Heute würde ich aber auch nicht mehr darauf hören – ich weiß es mittlerweile besser.

12 Kommentare

  1. Sehr krass dazu dieser NYTimes Artikel, der letztens auch noch im Internet applaudiert wurde: „I do not want my daughter to be nice“ http://parenting.blogs.nytimes.com/2013/07/31/i-do-not-want-my-daughter-to-be-nice/?_r=0 – ja klar, jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger…

  2. An Deinem Artikel wird leider wieder deutlich, welchen immensen Einfluss Eltern auf ihre Kinder ausüben und wie sehr sie die Kids konditionieren können.

    Ich kenne Dich privat nicht, daher sei mir die Frage erlaubt: bist Du auch mit einem Vater aufgewachsen? Wenn ja, wie ist er mit den Warnungen Deiner Mutter umgegangen?

  3. Das kenne ich von meiner Mutter und meiner Großmutter. Das macht man doch nicht, lass das sein, halt den Mund, sei nicht so vorlaut usw. Das hat mich sehr geprägt wie ich jetzt bewusst feststelle.

  4. Sowas wurde mir als Kind auch mitgegeben. Und wenn ich so daran denke, alle meine menschlichen Enttäuschungen gingen eigentlich auch von Frauen aus. Angebliche Freundinnen. Diese verletzen mich aber „nur“ emotional. Dafür aber nachhaltig. Zwar verletze mich mein Vater auch, aber das verfolgte mich nicht wirklich, er war eh nie für mich da, ich kenne es gar nicht anders. Ein anderes Mal, wo emotionaler Schmerz von einem Mann kam, war eine unerwiderte Liebe. Ich hasste ihn damals sehr, aber ich weiß dass das blöd war, wenn er eben nichts fühlte, also zählt das auch nicht.

    Aber trotzdem habe ich draußen auch eher Angst vor Männern als vor Frauen. Aber dort eben vor Gewalt. Aber hier in meiner Gegend hab ich auch nie wirklich von Gewaltverbrechen von Frauen gehört. Es waren immer Männer, die jemanden ausraubten, zusammenschlugen oder vergewaltigten. Klar, all das kann auch von Frauen ausgehen, aber eigentlich kommt diese Angstmacherei vor Männern nicht von ungefähr, falls die Medien nicht gerade solche Frauengeschichten schluckt, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die was davon hätten.

  5. Nichts unter Menschen ist sicher.

    Wir können das an den vielen unverständlichen Gewaltaktionen in der Welt erkennen. Das diese menschliche Gewalt nicht nur auf uns entfernte Völker zutrifft sondern direkt bei uns ist, macht Angst.

    Spezielle Dauer-Angst vor Frauen oder Männern ist aber sicherlich nicht angezeigt, aber eine Vorsicht und Abstandswahrung ist immer natürlich.

    Es sollte sicher nicht die Kleidung und Aussehen als unwichtig, und die Aufenthaltsorte mit unterschiedlicher Vorsicht (einzeln oder in Gruppe) angesehen werden.

    Aufreizendes Verhalten bleibt aufreizend und Kommunikation mit entsprechender Körpersprache kann auch Aufforderung zu mehr sein. Dies muss man sorgsam abwägen. Generell ist Freundlichkeit aber nicht aufreizend.

  6. wer heute noch immer so denkt is nicht ganz dicht.
    man weiß doch mittlerweile gut genug dass es vergewaltigern scheissegal is wie du aussiehst, dass es nicht um ficken, sondern um dominanz geht.

    die frauen die ich kenne die vergewaltigt wurden entsprachen auf keinster weise dem schönheitsideal und waren quasi burschikos autonom gekleidet. nicht so wie die frauen denen auf der strasse nachgepfiffen wird.

    als kind/jugendlicher mußte ich nach der öffentlichen zugfahrt immer etwa 1km durch dicht bebautes einfamilienhaus-wohngebiet nach hause gehen. sobald es dunkel war wurde meine schwester immer mit dem auto abgeholt. ich hab deswegen meine mutter immer so angefickt, ihre antwort war immer „sie is ja eine frau, das is gefährlich im dunkeln“
    und meine mutter war nicht so das typische heimchen, sie hat wirklich mit aller gewalt versucht uns beide gleich zu erziehen. und immer versucht alle klischees zu umschiffen.

  7. Sätze wie diese schüren nicht nur unnötig Ängste. Mir machten im Teenie-Alter gerade Männer über 25 ziemlich Angst und ganz besonders die, die besonders nett und freundlich waren.
    Und ein weiteres Problem, das ich dabei sehe (und leider klingt das jetzt ein wenig femtrollig) unanständiges wenn nicht sogar übergriffiges Verhalten wird bei Männern als gegeben hingenommen. („Männer sind nun mal so“) Deswegen ja dann oft die Ansagen, dass sich Frau doch bitte „anständig“ anziehen soll, weil Männer sich ja scheinbar beim Anblick von nackter Haut ja nicht zurückhalten können und man es ja damit provoziert. Ich finde nicht, dass Männer triebgesteuerte läufige Tiere sind und ich möchte auch nicht, dass man sie als solches sieht.

  8. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 34 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

  9. Ich bin Mama von zwei Mädels im Grundschulalter.

    Viele Sätze habe ich so oder ähnlich auch gehört, allerdings wohl nicht in der Intensität. Ich bin vorsichtig an Fremde heran gegangen und das ist bis heute so.

    Allerdings ist der Papa meiner Kids von Anfang an sehr besorgt gewesen, was dazu führte, dass Kind 1 Fremden gegenüber sehr schüchtern ist (sehe ich nur bedingt als Nachteil) und Männern gegenüber echte Probleme hat. Wir arbeiten daran 🙁

    Kind 2 hat – wie ich – früh entdeckt, dass Jungs die besseren Freunde für sie sind. Wer braucht schon Zickereien um Haare und Klamotten, wenn man auf Bäume klettern und sich prügeln kann 😀 Ich bin froh darüber, weil ich das Gefühl habe, dass sie dadurch auch einen normalen Umgang mit Männern pflegt, auch wenn sie in meinen Augen dadurch etwas zu unkritisch ist. Aber auch daran arbeiten wir.

    Ein toller Artikel, der mich im Bezug auf meine Kids auch grad zum Nachdenken gebracht hat. Danke.

  10. Finde das Thema echt wichtig und toll dass du drüber schreibst. Bei uns an der Schule sind auch die Mädchen verrufen, die sich schon mit 15 mit solchen Heels an die Bushaltestelle stellen.
    Irgendwie tun sie mir aber auch leid weil Repekt verdient jedes Mädchen unabhängig von seinem Aussehen und es geht ja auch nur um einen modischen Stil, die Körpersprache ist dann noch mal etwas anderes.
    Ich habe mir vorgenommen bei meinen Kindern (in ferner Zukunft!) nicht solche Panik und vor allem keine Vorurteile zu verbreiten.

  11. “ in meinen Augen dadurch etwas zu unkritisch ist.“
    @Daggi
    ein gesundes Maß an Misstrauen sollte man Leuten entgegenbringen – egal welchen Geschlechts.

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