Das ganz normale Chaos

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Nicht Pink stinkt, sondern eure Definition von Weiblichkeit

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„Pink stinks“ heißt ein Projekt, bei dem es darum geht, Mädchen vom allseitsüblichen Pink zu lösen und ihnen Schuldgefühle einzutrichtern, wenn sie eine Vorliebe dafür entwickeln. Es würde sie in eine Rolle drängen, die einem Mädchen zur heutigen Zeit nicht gut tut. Gleichzeitig wird Pink und Rosa dämonisiert und Eltern, die ihren Kindern pinkfarbene Kleidung kaufen, werden beinahe mit Kinderschlägern gleichgesetzt. Kinder sollten möglichst geschlechtsneutral erzogen werden – neutrale Kleidung, bloß keine rollenspezifischen Spielzeuge.

Ich hab damit ein großes Problem und ich kann euch auch gern sagen wieso. Pink und Rosa werden mit Mädchen und Weiblichkeit gleichgestellt. Mädchenspielzeug ist rosa. Mädchenkleidung ist rosa. Ist sie seit Jahrzehnten. Auch in meiner Kindheit gab es viel Rosa und im Kindergarten viele Mädchen, die ihren Rosa- und Barbietick auslebten.

Ich mochte Rosa nie, aber hätte es mögen dürfen

Ich mochte Rosa nie. Ich hatte nur eine oder zwei Barbies, aber nachdem ich beiden relativ schnell den Kopf entfernt hatte und sie – nachdem der Kopf mit Sekundenkleber wieder angeklebt wurde, die Barbies dafür aber ihren Hals einbüßten – irgendwann eine Glatze geschnitten bekamen, entschieden sich meine Eltern, dass das doch ein etwas zu teurer Spaß für mich sei. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich dann naturwissenschaftliche Experimentierkästen, ein Mikroskop, ein Teleskop. Irgendwann einen von diesen klobigen, sprechenden Kinderlerncomputern. Wenn ich Geld geschenkt bekam, investierte ich es in Bücher. Ich rechnete damals nicht in D-Mark – ich rechnete mir immer aus, wie viele Bücher ich für mein Geld bekommen würde. Wenn der Bücherkatalog von Weltbild ins Haus trudelte, verbrachte ich mehrere Stunden damit, mit einen hypothetischen Wunschzettel zu erstellen – sortiert nach der Priorität – welche Bücher ich unbedingt haben wollte.

Um Geschlechterrollen habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Meine Eltern auch nicht. Es ging immer darum, was mich interessiert und womit ich glücklich wurde. Für mich waren das die oben genannten Dinge. Zu meinem Glück passte ich in dieses toughe Mädchenimage, das heute gern propagiert wird. Aber nicht weil ich hineingedrängt wurde, sondern weil es sich einfach so entwickelt hat. Ich habe nie nach rosa gefragt, also habe ich es auch nicht bekommen, aber hätte ich nach rosa gefragt, hätte ich es vermutlich auch bekommen.

Rosa und was wir hineininterpretieren

Unter den Mädchen in meinem Alter waren einige Rosa-Anhängerinnen. Ich erinnere mich ganz genau an eine von ihnen. Sie ging mit mir zusammen in die Grundschule und piesakte mich, so gut sie konnte. Da ich ein eher stilles und zurückhaltendes Kind war (bloß nicht im Mittelpunkt stehen!) war ich ein leichtes Opfer. Ihr Rosa-Tick hat sie nicht zu einer schwachen Person gemacht – aber er hat sie so wirken lassen. Rosa – niedlich – unschuldig. Sie war aber alles andere als das.

Rosa verbinden wir mit Weiblichkeit. Doch was ist Weiblichkeit eigentlich? Allein dass ich darüber nachdenken muss, wie ich es definiere, weil bei jeder Definition sicherlich 1000 widersprechende Stimmen kämen, zeigen wo das Problem ist. Weiblichkeit ist negativ behaftet. Weiblich oder „weibisch“ möchte niemand sein. Es wird mit Naivität, Unsicherheit, Zurückhaltung und Verweichlichung in Verbindung gebracht. Das sind zwar alles Eigenschaften, die auf Mädchen zutreffen können, nur treffen sie genauso auf Jungen zu.

Weiblichkeit = Schwäche = Bullshit

Diese negative Assoziation von Weiblichkeit wird auch mit Rosa verknüpft. Ein Mädchen das Rosa trägt, wird unsicher, naiv und lässt sich unterdrücken – einfach weil sie damit groß wird, ihre Weiblichkeit zur Schau zu stellen. Und da gelangen wir an den Knackpunkt der ganzen Sache.

Ein Mädchen zu sein ist nämlich gar nicht schlimm. Es als Mädchen super zu finden, ein Mädchen zu sein, auch nicht. Rosa zu tragen, wenn man die Farbe toll findet, ist eher ein Zeichen der eigenen Ausdrucksweise, als eine Fessel der Gesellschaft. Die eigene Geschlechtsidentität zu entwickeln, ist ein sehr wichtiger Vorgang im Leben. Dazu gehört auch das Ausprobieren. Der Wunsch weiblicher zu wirken – zu sehen ob man sich damit wohl fühlt. Sich selbst zu finden. Auch Kinder machen diese Phase durch. Manche Eltern können ein Lied davon singen, wenn sich die Tochter auf einmal alles in Rosa wünscht und sie selbst aber kein Rosa mehr sehen können.

Da man Weiblichkeit mit Schwäche und Weichheit in Verbindung bringt, ist auch die Erklärung nahe, wieso Jungs kein Rosa tragen „dürfen“. Während es für Mädchen völlig okay ist, Jungsklamotten zu tragen, sich für Technik und Computer zu interessieren, ist es bei Jungs hingegen völlig verpönt, sich für „Mädchensachen“ zu interessieren. Jungs bekommen keine Puppen, Jungs tragen kein Rosa, Jungs dürfen keine Kleider oder Röcke tragen, Jungs lernen seltener von der Mutter kochen und Hausarbeiten, Jungs können seltener Handarbeiten… ich könnte diese Liste ewig lang fortführen. Wieso? Weil Jungs in unserer Gesellschaft eine riesige Bürde auf ihren Schultern haben. Sie müssen stark sein, sie müssen alles im Griff haben. Am besten sollen sie kaum Emotionen besitzen. Weinen dürfen sie schon einmal gar nicht. Tja und Rosa bleibt ihnen verwehrt. Die Angst der Eltern besteht, dass sie verweiblichen würden, weil sie Weiblichkeit im Kopf negativ behaften. Viele Leiden darunter, lernen nie mit Emotionen umzugehen, weil sie sie immer wieder verdrängen. Das hat zur Folge dass sie später depressiv werden, und psychische Krankheiten entwickeln, denn auch wenn Jungs stark sein sollen – immer nur Stärke vorzutäuschen, wenn man sich schwach fühlt, ist ungesund.

Vorsicht, Jungs werden durch Rosa schwul!11einself

In meinem Bekanntenkreis hatte ein junges Elternpaar einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn liebte seine kleine Schwester abgöttisch, spielte mit ihr, passte auf sie auf, und fühlte sich seit ihrer Geburt vollstens für sie mitverantwortlich. Eigentlich die Traumreaktion für Eltern, wenn ein neues Kind in die Familie kommt. Nun entwickelte der Junge aber eine Vorliebe für rosa Spielzeug. Er mochte Glitzerspielzeug, spielte mit seiner Schwester Prinzessin und Teekränzchen. Die Eltern verfielen in Panik. Hatten Angst, ihr Sohn würde „schwul werden“ wenn er so weiter macht. Die Folge war, dass die Spielzeiten mit seiner Schwester eingeschränkt wurden und er von da an „Jungssachen“ machen musste.

Jeder, der jetzt ein wenig Mitgefühl hat, wird sich denken „Wenn der Junge daran Spaß hat, soll er doch damit spielen!“ und genau so sollte es sein. Wenn er rosa Kram mag, sollte er mit rosa Kram spielen dürfen, egal was andere sagen oder denken. Und sollte sich später herausstellen, dass der Sohn schwul ist (denn man ist schwul und wird es nicht), dann ist das super, denn was gibt es Schöneres für Eltern, als wenn das Kind seine eigene Identität gefunden hat und so glücklich leben kann?

Rosa ist nicht böse, nur Eltern, die ihren Kindern ihre Vorlieben verbieten

Kehren wir es um, sollten wir auch Mädchen dieses Recht gewähren. Wenn ein Mädchen rosa Kram mag, sollte es damit spielen dürfen. Es sollte nicht dafür verurteilt werden. Solang die Kinder frei entscheiden dürfen, wer sie sein wollen, hat niemand das Recht ihnen das abzusprechen. Nicht Rosa macht Kinder zu schlechten Menschen, sondern die Eltern machen ihre Kinder zu schlechten Menschen. Ab dem Zeitpunkt wenn sie ihren Kindern etwas aufdrücken, was sie nicht wollen. Sei es nun das Aufzwängen von Rosa oder das Verbieten. Sei es nun ein Mädchen oder ein Junge.

Nicht Rosa ist das Problem, sondern dass wir Weiblichkeit immer noch mit negativen Gedanken behaften und unsere Kinder davor beschützen wollen. Aber vielleicht täte unserer Gesellschaft etwas mehr Mitgefühl, Emotionalität und Besonnenheit ganz gut. Diese Debatte ist ein gutes Beispiel dafür.

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9 Kommentare

  1. „auch nicht. Rosa zu tragen, wenn man die Farbe toll findet, ist eher ein Zeichen der eigenen Ausdrucksweise, als eine Fessel der Gesellschaft.“

    Damit hättest du Recht, wenn Rosa eine Farbe unter vielen wäre, die Jungen und Mädchen wählen oder die für sie gewählt werden. Wenn du dich allerdings in einer Kinderabteilung im Kaufhaus umsehen würdest, könntest su feststellen, dass dies nicht der Fall ist.

    „Nicht Rosa ist das Problem, sondern dass wir Weiblichkeit immer noch mit negativen Gedanken behaften und unsere Kinder davor beschützen wollen.“

    Rosa ist solange ein Problem, solange es diese negativen Gedanken transportiert und als Platzhalter dafür steht.

    Was Pinkstinks und die deren Defintion von Weiblichkeit angeht, solltest du dich informierne, bevor du kritisierst:
    http://www.fluter.de/de/135/thema/12943/

  2. Das Spielchen kann man noch weiterführen, wenn man sich ansieht, wie erpicht man darauf ist Frauen in MINT-Berufen sehen möchte. Bei der letzten Diskussion um Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen wurde mehrfach das Argument angeführt, dass wenn Frauen mehr Geld verdienen möchten, doch bitte Berufe ergreifen sollen, in denen man auch mehr verdient, anstelle von diesen sozialen Berufen, die sich ja durch das Kümmern um Menschen auszeichnen und damit eigentlich auch zu typisch für Frauen sind.

    Ich würde ja eher gegen diesen „Pink = Weiblich“-Stempel angehen, als gegen diese Farbe an sich (dummerweise wird Frauenkram gerne in Pink beworben), schließlich sollen auch Jungs und Männer die Freiheit haben, sich mit eher softeren Themen zu befassen, ohne dass ihnen dabei ihre Männlichkeit abgesprochen wird.

  3. Ich finde, du übersiehst hier den wesentlichen Punkt. Das Rosa-weiblich-Blau-männlich-Schema ist ein Unterschichtenphänomen. Bei Kik bekommst du nichts anderes an Kinderklamotten; je teurer es wird, desto stärker wird das Schema aufgebrochen. Ich bin dafür, das Kinder anziehen sollten, was sie mögen. Die pinke Monokultur ist allerdings ein Stigma – es wird Kindern von sozial schwachen Eltern durch äußere Bedingungen aufoktroyiert, ist eines der ersten Ausprägungen von sozialem Druck im Leben eines Kindes und markiert sie nach außen als, nun ja, Unterschicht. Bei 99% der Kinder hat pinke Kleidung und rosa Spielzeug nichts mit Individualität oder gar Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu tun; genauso wenig übrigens wie Ringelsöckchen und Holzspielzeug bei den Kindern vom Prenzlauer Berg. Das perfide an der Sache ist, dass die Kinder (+ Eltern) es anders wahrnehmen.

  4. Schön geschrieben. Aber den Pink Stinks Aktiven wird unrecht getan. Du schreibst:

    “Pink stinks” heißt ein Projekt, bei dem es darum geht, Mädchen vom allseitsüblichen Pink zu lösen und ihnen Schuldgefühle einzutrichtern, wenn sie eine Vorliebe dafür entwickeln. […] Gleichzeitig wird Pink und Rosa dämonisiert und Eltern, die ihren Kindern pinkfarbene Kleidung kaufen, werden beinahe mit Kinderschlägern gleichgesetzt.[…]“

    Ein Blick auf die Über uns Seite von Pink Stinks liest sich ganz anders:

    „Das Pinkstinks-Team ist ein bunter Haufen:[…]Alle wollen das Eine: Mehr Farbe! Und: Pink für Alle! […] Pinkstinks ist eine Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen.“

    Ja, klar findet man sicher irgendwo Kommentare von Unterstützer_innen, die „dämonisieren“, aber wenn man das als Maßstab nähme kann man jeder Aktion so ziemlich alles unterstellen.

  5. Ich kann mich noch an die Zeit der rosa Polohemden erinnern, wo von vielen gesagt wurde, das sähe schei*e aus und die Kerle sollten kein rosa tragen, wenn sie „richtige Männer“ sein wollen.
    Bei solchen Diskussionen habe ich mich allerdings schnell ausgeklinkt, da ich auf solches „ja, aber ich… ja aber, aber, aber, aber“ keine Lust hatte.
    Ist wie mit Bibelfanatikern, da kannste ein Satz ständig wiederholen und deren Antwort wird IMMER gleich lauten: „Aber in der Bibel steht….“

    Ich finde diesen Post hier von dir ganz wunderbar und ich finde mich in vielen deiner Worte wieder. Freut mich sehr, dass du dieses Thema so aufgefasst und dich damit auseinander gesetzt bzw. es so niedergeschrieben hast 🙂

    Ach ja… pinke Ü-Eier NUR für Mädchen….mmmh ne is klar. Ich sitz an der Kasse und sehe das immer wieder, dass die Eltern den Mädchen ein rosafarbenes kaufen, die Jungs bekommen ein normales. Und oft habe ich erlebt, wie den Jungs das rosane wieder weggenommen wurde, weil „das ist für deine Schwester!“.
    Ist doch egal? Drin ist dasselbe, bzw. drumrum und das Spielzeug kann man bei Nichtgefallen ja tauschen…..seufz.

  6. 100% Zustimmung und zu dem Punkt mit dem „schlechte Eltern“, bei so manchen Twitteruserinnen bin ich nicht wirklich traurig, wenn sie sich nicht fortpflanzen sollten, sonst hab ich später nämlich deren Albtraumbälger am Hals (bin angehende Erzieherin) 😀

  7. Was für ein Zufall.Habe vor einigen Tagen auch über diese Thematik geschrieben. Allerdings weit weniger ausführlich. Dennoch ist mein Standpunkt deinem sehr ähnlich.
    Pink finde ich als Farbe aber abschreckend. Liegt aber auch daran, dass ich mich fast ausschließlich in „Nichtfarben“ kleide. 8)

  8. Interessant, dass mal jemand dieses Thema aufgreift. Ich habe als Kind nie rosa gemocht und keine rosa Kleidung gehabt, haben mir meine Eltern auch nicht gekauft. Ich habe es nicht gemocht, WEIL es bei vielen so negativ behaftet ist. Habe ich nie verstanden warum, jetzt nach diesem Beitrag wird mir einiges klarer. Unsere ganze Gesellschaft erlaubt ja die Weiblichkeit nicht! Jetzt bin ich 29, und ich habe gerade eine Pink-Phase. Ich möchte mir am liebsten Kleidung kaufen, die Pink ist. Richtig knallig. (-; Früher war ich immer nur mit sanften Farben anzutreffen, zurückhaltend, noch früher in schwarz… Ich beobachte, dass dies absolut eine Frage des Charakters ist. Ich habe die letzten Wochen eine starke Veränderung durchgemacht. Die starke Farbe drückt meine innere, gewonnene Stärke und Weiblichkeit aus!

  9. Danke für diesen Artikel!

    Es ist mir sowas von egal, welche Farben die Herzchirurgin trägt (oder auch der Chirurg) solange sie ihren Job gut machen. Pink oder nachtschwarz, solange sie sich damit gut fühlen und auf ihre Arbeit konzentrieren.

    Eine Vorliebe (oder Abneigung) zu einer bestimmten Farbe sagt nichts aber auch gar nichts über die Fähigkeiten aus, die jemand hat. Insofern geht für mich diese pink stinks Kampagne irgendwie ins Leere.

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