Das ganz normale Chaos

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Mobbing in einer Zeit als es Mobbing offiziell gar nicht gab

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Mobbing ist ein Schlagwort, mit dem jeder heutzutage etwas anfangen kann. Als ich damals zur Schule ging, war das nicht so. Mobbing wurde damals nicht als ein soziales Phänomen betrachtet, sondern es war normal. Als Schülerin war ich ein Mobbing-Opfer und eine Außenseiterin in der Klasse.

Ich war in der Schule nie die lauteste, die witzigste oder die hippeste. Im Gegenteil. Ich war sehr zurückgezogen, introvertiert und fühlte mich unwohl damit, im Mittelpunkt zu stehen. Das änderte sich zeitweise nur dann, wenn es eine Sache gab, die mich sehr interessierte und mit der ich mich unbedingt beschäftigen wollte.

Die ruhigen sind immer die Opfer, weil sie sich nicht wehren, sondern lieber flüchten wollen – so wurde ich zum Opfer. Während ich in der Grundschule eine sehr liebevolle Lehrerin hatte, die jeden Schüler so akzeptierte, wie er war und auch förderte, wurde im weiterführenden Gymnasium der Ton strenger und rauer. Nicht nur unter den Schülern – der beginnenden Pubertät geschuldet – sondern auch durch die Lehrer.

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Während ich anfangs recht gut in der Klasse mitkam, änderte es sich schnell als die Firma meines Vaters pleite ging. Dadurch, dass er stadtbekannt war, dauerte es nicht lange, bis es sich auch in der Schule herumsprach. Ich hörte Begriffe wie „Versager“ und „Bettelkind“ und das waren die harmlosen Umschreibungen. Als ich in die Klasse kam, stifteten meine Eltern für die Klassengemeinschaft eine Wanduhr. Eines Tages ging die Batterie leer und mein Mathelehrer – ich erinnere mich noch sehr genau – sagte mir vor der Klasse „Bring die Uhr doch ins Pfandhaus, wo eure ganzen anderen Sachen schon sind. Wir brauchen hier keinen Schrott.“ Die ganze Klasse lachte, ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Nach der Stunde, verzog ich mich in die Ecke des Pausenhofes und weinte.

Schon damals wollte ich nicht schweigen und diese Dinge in mich hineinfressen. Ich erzählte also meiner Mutter davon und sie rief entrüstet beim Lehrer an. Davor hatte ich Angst – zurecht. Der Lehrer rief mich von da an im Unterricht nicht mehr auf und meine Noten sanken so weit, dass ich im Halbjahr darauf eine 5 auf dem Zeugnis hatte. Meine Versetzung war gefährdet. Durch die Sprüche des Lehrers wurde die Stimmung in der Klasse aggressiv aufgeladen. Es war von da an okay, öffentlich über mich herzuziehen. Sogar wenn ich dabei war. Wenn wir im Keller vor unserem Kunstraum standen und auf den Kunstlehrer warteten, musste ich mir Dinge anhören wie „Meine Mutter hat gesagt ihr seid so arm, dass ihr die Kleidung von anderen Leuten geschenkt bekommt, weil ihr es euch nicht leisten könnt.“ Ich konnte nicht einmal widersprechen, weil es damals tatsächlich so war. Ich wollte es aber nicht zur Diskussion machen, weil ich hoffte, dass ich durch „normale Kleidung“ nicht auffiel als Kind „das nicht so viel Geld hat“.

Schulausflüge waren für mich der pure Horror. Nicht nur dass der Antrag für Zuschüsse vom Förderverein für die Kosten der Klassenfahrten offen vor der Klasse diskutiert wurden und ich gefragt wurde, wieso wir uns das nicht leisten können und wieso meine Eltern nicht einfach arbeiten gehen – ich fühlte mich immer dieser „Ich habe deine Klassenfahrt mitfinanziert, sei mir gefälligst dankbar“ Stimmung ausgesetzt.

Klassenfahrten an sich habe ich gehasst. Während man die Stunden in der Schule normalerweise leicht rumbekommt und dann nach Schulschluss diesen Ort verlassen kann, ist es auf Klassenfahrten anders. Da ist man diesen Menschen für eine Woche, rund um die Uhr ausgesetzt. Wenn ich schlief wurden meine Sachen aus meiner Reisetasche geklaut und irgendwo versteckt. Tagsüber warf man meinen Schlafanzug aus dem zweiten Stock auf den Hof. Man versteckte meine Hausschuhe. Wenn ich da stand und weinte bekam ich vom Lehrer ein „Stell dich nicht so an, das sind doch nur Scherze“ und von den Schülern ein „Heulsuse“ an den Kopf geworfen.

Je mehr ich mich wehrte, mit meinen Eltern sprach, mit den Lehrern sprach, mit dem Schulleiter sprach, desto schlimmer wurde es. Meine Fehlzeiten stiegen und durch die Defizite musste ich zweimal die Schule wechseln, um dann einen mittelmäßigen Realschul-Abschluss zu bekommen.

In den letzten Jahren haben mich vermehrt Leute von damals kontaktiert, sich entschuldigt und wollten Kontakt zu mir herstellen. Ich habe mich zwar bedankt, aber den Kontakt abgelehnt. Die Entschuldigung kommt 15 Jahre zu spät. Die Wunden, die diese Behandlung damals hinterlassen hat, sind bereits vernarbt und haben mein späteres Leben sehr bestimmt. Heute ist das Verständnis für Mobbing eher vorhanden als damals. Es gibt Anlaufstellen und Lehrkräfte wurden sensibilisiert. Heute ist es hoffentlich einfacher für unterdrückte Schüler, zu ihrem Recht zu kommen.

Übrigens, der Lehrer von damals unterrichtet immer noch. Er bekam von meiner alten Klasse im Abi-Buch eine Auszeichnung für den witzigsten Lehrer der Stufe.

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15 Kommentare

  1. Ich weiß nicht ob es dir etwas bringt, aber fühl dich ganz fest gedrückt.

  2. Oh man, das ist der Grund, warum ich meine Schulzeit so gut wie möglich verdrängt habe…

  3. Dein Beitrag ist sehr ergreifend und erinnert mich stark an meine Schulzeit. Ich war immer Außenseiterin, ich würde bespuckt, mir wurde im Bus zur Schule Essen in die Haare geschmiert und ich wurde geschlagen und bedroht. Heute trage ich die Narben und versuche es in einer Therapie aufzuarbeiten.
    Ich hoffe ebenso wie du, dass es den Schülern heute besser gelingt zu ihrem Recht zu kommen.

  4. Ich versteh das so gut. Mir erging es in der Schule ähnlich. Glücklicherweise hatte ich keinen so Arschlochlehrer (sry für den Ausdruck, aber so Sprüche von einem Erwachsenen, der es eigentlich besser wissen müsste als so pubertierende Honks, sind einfach mehr als daneben). Dafür habe ich gelernt, dass es nichts bringt sich zu verbiegen um akzeptiert zu werden, es klappt ohnehin nicht. Die Leute von damals sind mir mittlerweile egal, und ich will auch keinen mehr sehen. Wenigstens wird das Thema Mobbing heute etwas ernster und vor allem bewusster betrachtet. Idioten wird es immer geben, aber vielleicht wird es dadurch jetzt etwas besser und vor allem leichter, dem entgegenzutreten.

  5. Ein ausgezeichneter Artikel der zeigt, dass Mobbing keine Modeerscheinung ist. Mich macht es sprachlos, dass sogenannte Pädagogen derart unsensibel sein können – auch wenn das Ganze schon sehr lange her ist. Aber es stimmt – die Ruhigen sind immer die Opfer. Bleibt zu hoffen, dass du dieses Kapitel für dich „abgeschlossen“ hast.

  6. Ich wurde in der Grundschule gehänselt, weil ich so oft weinte und auf der Hauptschule weil ich dick war. Trotzdem war es nie so ausufernd, dass ich mich als Aussenseiter fühlte. Das ist interessanter weise dann erst im Abitur passiert… Und zum Glück hat mich ein Lehrer nie so bloßgestellt, dass es mich tiefer verletzt hätte. Damit wäre ich nicht klar gekommen.. :/

  7. ….und dennoch sieht man das das Leben auch für Menschen wie uns Gutes bereit hält 😉

    Diese Zeiten sind mitunter einer der Gründe warum Schule für mich Horror ist und bleibt. Ich kann bis heute keine Schule oder eine Hörsaal betreten ohne von Angst überwältigt zu werden…. ich bin sehr froh das und das zugehörige Gepäck seit nun fast 10 Jahren hinter mir gelassen zu haben und ich freue mich zu sehen das es auch dir ähnlich geht 🙂

  8. Kann ich leider zum Teil nachvollziehen. Die Behandlung durch Mitschueler (in meinem Fall wenig bis gar nicht durch Lehrer) ist der Grund, warum ich waehrend der Abiphase schon gearbeitet habe, die Abi-Fahrt, die die anderen machten durch Arbeit ersetzte und dann den Kontakt zu allen Personen aus meiner Schulzeit komplett abgebrochen habe.

    Sich zu entschuldigen versuchte bisher kein einziger und ich bin auch nicht scharf drauf. Koennen gerne da bleiben wo der Pfeffer waechst und mich in Ruhe lassen. Ich weiss, dsas die meisten in der Gemeinde wohnen geblieben sind wo ich aufgewachsen bin, waehrend ich inzwischen mehr als 100km weit weg wohne. Eine Zufallsbegegnung ist also sehr unwahrscheinlich und die paar, die in Hamburg wohnen… Naja gluecklicher Weise ist Hamburg eine Grossstadt…

  9. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 48 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

  10. . (Danke für den Beitrag.)

  11. Das ist das letzte! Mir wurde selbiges angetan, nur weil ich ein gutes abschlusszeugnis wollte. Bzw. wird mir immer ich angetan. Zwar sind mobber Idioten und werden es auch immer sein, aber die Situation hat sich nicht gebessert, weil diese hässlichen Geschwüre leider dazulernen, strafen mittels Facebook umgehen und Opfer einfach mundtot machen, um ja nicht aufzufliegen. Was kann ein Mensch für seine Herkunft, persöhnlichen Eigenschaften oder Sexualität? Meiner Meinung nach resultiert Mobbing aus der Angst einer oder mehrerer Personen davor, das jemand, der anders ist, an „zu viel macht“ gelangen könnte, was „natürlich“ ( Sarkasmus) unterbunden werden muss. Und inkompetente Eltern, die ihrem Kind falsche werte vermitteln sind genauso schuld am leid unserer bemittleidenswerten runde. Bleibt für mich nur noch die frage: warum?

    Dein persönliches Schicksal kann ich gut nachvollziehen, wir führten auch einen langen krieg gegen schule, Lehrer und Mitschüler. Die narben bleiben leider. Und erinnern jeden Tag aufs neue, wie grausam unsere Welt sein kann, bzw. geworden ist.

  12. Ich kann Dich gut verstehen. Auch ich meide deswegen den Kontakt zu den alten Schulkameraden, ignoriere Einladungen zu Klassenfeiern. Die nachhaltige Prägung ist schon dramatisch, ähnliche Situationen wiederholen sich immer wieder später im Leben.

  13. Ich kenne es nur allzu gut. Nicht umsonst habe ich nur noch mit zwei ehemaligen Mitschülern Kontakt. Zwar nur sporadisch, aber die anderen können wenns nach mir geht dort bleiben wo der Pfeffer wächst.

  14. Als ich vor ein paar Tagen diesen deinen Eintrag laß, konnte ich es nicht fassen ich meine wenn mich jemand um Verzeihung bittet würde ich sagen „Schwamm drüber“, das ist heute der Fall und das bezieht sich auch nur auf Menschen in meinem Umkreis die ich nach der Schulzeit kennen lernte, dann habe ich die letzten Tage tatsächlich, weil es mich einfach interessiert hat, Nachforschungen auf FB über ehemalige Mitschüler betrieben(mit der Frage im Kopf: Was ist aus denen eig. geworden? Nichts! Die waren Nichts und sind Nichts!) ein paar Namen kannte ich noch von denen die halbwegs positiv waren, ich habe also geguckt und je mehr ich guckte um so mehr Namen und Erinnerungen tauchten wieder auf mit dem verbunden waren Gefühle wie Hass, Ekel, Wut aber auch Verzweiflung und Angst die ich damals hatte kamen wieder hoch und jetzt bin ich der Meinung bzw. frage mich wie du nur so gelassen darüber schreiben kannst?! Würde ich einen Text darüber schreiben würde ich mich wahrscheinlich nicht wiedererkennen…

    Ich erinnere mich daran wie ich in der 5. und 6. Klasse in den Pausen schnellstmöglich das WC aufsuchte, man konnte sich dort gut verstecken der Schulhof war „Todeszone“ irgendwann wurde ich erwischt ab da an wurde kontrolliert ob sich jemand im WC versteckte so mußte ich meine Strategie ändern ich bin dann dem jeweiligem Lehrer welcher Aufsicht hatte nie von der Seite gewichen, manchmal ergaben sich sehr interessante Gespräche mit meinem Physik Lehrer den außer mir kein Schüler leiden konnte bessonders physikalische Vorgänge haben mich immer interessiert oder der Gedanke an die endlichkeit des Universums und dem was dahinter sein könnte!

    In der 10. habe ich offtmals die Schule geschwänzt ich bin sogar weil ich auf Mitschüler keine Lust mehr hatte morgens eine Stunde eher aufgestanden und 6km bis zur Schule gelaufen anstatt Bus zu fahren den Schulstoff z.B. Mathe habe ich mir selber beigebracht es gab ja diese roten Prüfungs Bücher mit Lösungen, es brauchte nur etwas Logik ich war nur dann anwesend wenn eine LK anstand da ich das konnte hat auch nie ein Lehrer gefragt, was mich heute doch sehr wundert, wo ich denn wärend der anderen Stunden war(meißtens saß ich allein im Park auf einer Bank und habe die Stille oder das Geräusch des Windes genossen), man war ich froh als die Schule endlich vorbei war!

  15. Beleidigungen sind wirklich schlimm. Am schlimmsten find ich dass die meisten Leute gar nicht bemerken wie sehr man darunter leidet. Auf meiner alten Schule wurde ich auch öfters beleidigt nur dass es da oft wirklich als Scherz gemeint war, nur diese Erkenntnis macht es nicht leichter damit umzugehen. Wenn bei mir auch noch Lehrer mich runtergemacht hätten, ich glaub ich wäre durchgedreht. Es tut mir echt leid dass du so etwas erleiden musstest. Freundinnen von mir wurden gemobbt und ich hab gesehen wie sie das mitgenommen hat.

    Ich glaube allerdings das Mobbing auch heute noch „normal“ ist. Es wird zwar mehr dagegen gekämpft, aber ich glaube nicht dass es viel bringt. Ich glaube eher dass die meisten versuchen stark zu sein und das es deshalb kaum auffällt. Außerdem wird es immer schwerer Spaß von Ernst zu unterscheiden. Meist kommt es auch auf das Ziel der Beleidigung an. Manche nehmen die Worte nicht ernst, andere reagieren auf so etwas empfindlicher. Die Lehrer nehmen Mobbing, zumindest an meiner alten Schule, meist ernst und versuchen etwas dagegen zu unternehmen. Bisher hat nur meine alte Wirtschaftslehrerin einen Schüler beleidigt. Daraufhin hat bei mir die ganze Klasse zu dem Schüler gehalten. Vielleicht ist Mobbing heute wirklich nicht mehr so normal wie früher, aber es ist trotzdem noch präsent.

    Ich kann eigentlich nur etwas zur heutigen Zeit sagen da ich noch recht jung bin, aber es muss echt schrecklich gewesen sein wenn es heutzutage besser sein soll. Mit Mobbern hab ich nicht wirklich viel Erfahrung, aber ich kenne die Folgen und bin froh dass ich zumindest für meine Freundinnen da sein kann.
    Einmal hab ich mit meiner Mutter darüber geredet dass mich ein Junge in der Schule dauernd beleidigt hat, ich musste sie anflehen damit sie nicht mit einem Lehrer oder seiner Mutter sprach. An einer Mitschülerin hatte ich gesehen dass petzen es nur schlimmer machte. Nachdem ich mich ein paar Monate geweigert hatte in die Schule zu gehen hab ich mich mit den Aussenseitern angefreundet. Irgendwann hab ich es nicht mehr ausgehalten und hab festgestellt dass eine Mädchenschule besser zu mir passt. Ich weiß nicht was wäre wenn ich da geblieben wäre – vielleicht hätte ich mich gewehrt, vielleicht wäre ich dran zerbrochen – doch ich weiß dass ich es niemandem wünschen würde gemobbt zu werden.
    Ich weiß nur dass ich mit vierzehn Jahren nicht mit einer Sozialphobie rumschlagen sollte. Schlimmer noch find ich das es auch Leute trifft die noch jünger sind.

    Schön dass du deine Meinung zu dem Thema sagst und dich nicht einfach ausschweigst.

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