Das ganz normale Chaos

Hater, Opfer und das Internet

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Alex, 16 sitzt an seinem Computer und scrollt durch das soziale Netzwerk. Unter ein Foto schreibt er „Geh sterben, du dumme Schwuchtel!“ Er hält den Satz für eine normale Beleidigung- sogar für normales Miteinander. Was er damit auslösen kann, ist ihm gar nicht bewusst.

Das Internet ist als Ort des Austauschs und der Diskussion gescheitert. Grund sind nicht nur Trolle, die jede Diskussion an sich reißen, sondern auch das, was man allgemein als „Hater“ bezeichnet. Jemand, der meist ohne den anderen zu kenne, hasserfüllt die schlimmsten Beleidigungen und sogar Morddrohungen gegen unbekannte Menschen im Netz ausspricht. Auch wenn wir diese Personengruppe gern kleinreden. Sie werden zu einem Problem. Vor allem deswegen weil sie die sachliche Diskussion von Problemen im Netz unmöglich machen.

„Du dumme Hure“, „du Schwuchtel“, „Ficker“, „dummer Bimbo“… Beleidigungen wie diese hören wir im Netz ständig. Dem Beleidigenden ist häufig nicht einmal klar, in welche Ecke er sich damit stellt. Am Ende mag er die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Person ablenken, indem er andere in den Mittelpunkt stellt, die sich nicht wehren können oder wollen.

Meinungen sind egal – es geht nur noch um Mitleid

Stellen wir uns vor, eine Person schreibt etwas ins Internet, mit dem wir nicht übereinstimmen. Im Normalfall, versuchen wir dann durch eine Diskussion die Standpunkte zu klären. Entweder weil wir dem anderen zeigen wollen, dass es noch andere Sichtweisen gibt, oder weil wir uns vielleicht auch umstimmen lassen wollen. Diskutieren ist wie ein Tanz, bei dem man Schritte aufeinander zugeht und miteinander die Worte wechselt – auf einem fairen Standpunkt.

Bevor die Diskussion aber abgeschlossen ist, kommt nun jemand, der dem Standpunkt ebenfalls nicht zustimmt und sagt demjenigen nun, er solle doch sterben, man würde ihn und seine Familie umbringen, wenn er nicht seinen Standpunkt ändert.

Was passiert nun also? Die Diskussion ist verloren. Jeder, der nun widerspricht, wird jetzt auf der Seite der Hater gesehen. Es wird erwartet, dass man Mitleid haben muss und gleichzeitig wird behauptet, dass Leute, gegen die Hass-Drohungen eingehen, Recht haben müssen, wenn so vehement gegen sie vorgegangen wird. Wer nun berechnet genug ist, wird dann sagen „Meine Meinung ist so gefährlich, dass mir sogar gedroht wird.“ Da jeder normale Mensch, wenn er jemand anderes in einer Gefahrensituation sieht, beistimmen wird, ist es unmöglich noch gegen diese Meinung zu diskutieren.

Kontraproduktiv

Ein prominentes Beispiel ist Anita Sarkeesian. Viele stimmten mit ihrer Meinung nicht überein. Viele haben sehr sachlich diskutiert und ihren Standpunkt klar gemacht. Aber da kamen dann auch die Leute, die offensichtlich nie gelernt haben, ihren Standpunkt ohne Fäkalsprache und Bedrohungen klarzumachen und beleidigten und bedrohten sie.

Daraufhin stoppten die Diskussionen gegen ihr Vorhaben. Eine riesige Solidaitätswelle verhalf ihr dazu hunderttausende von Dollar einzunehmen. Selbst jetzt ist es fast noch unmöglich Kritik an ihrer Arbeit zu üben, ohne dass man als Hater bezeichnet wird und das obwohl Kritik bei ihrer Arbeit wichtig wäre.

Ich habe ihre Arbeit vor einigen Wochen kritisiert und sah mich direkt auf der Seite der Frauenhasser wieder (was völlig absurd ist, aber zeigt wie kaputt eine Diskussion danach ist).

Ich will keine Hater

Wenn mir etwas wichtig ist, stecke ich durchaus sehr viel Energie in eine Diskussion und versuche mich gleichzeitig in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Ich versuche die Person zu verstehen, um ihre Gedankengänge nachzuvollziehen.

Ein zweites Beispiel passierte vor ein paar Tagen. Ein junger Künstler sagte, er würde sich Hatern ausgesetzt fühlen. Zufällig kannte ich die Person, die er als Hater bezeichnete und die Nachricht die der Künstler von dieser Person bekam, war alles andere als „Hate“ sondern nett gemeinte Ratschläge, nachdem der Künstler dachte, er könnte durch Spam seine Reichweite erhöhen.

Also kommentierte ich bei dem Künstler und versuchte dem auf den Grund zu gehen wieso er völlig überreagierte und gab im dann gleichzeitig noch einige Tipps, denn ich sah es kommen, dass er mit seinem Verhalten (spammen) nur sich selbst schaden würde. Ich bin niemand der Leute in ihr Unglück rennen lässt ohne wenigstens zu sagen „Vorsicht Stufe.“ Ob er nun stolpert oder drüber klettert ist dann seine eigene Entscheidung.

So führten wir also eine sehr lange Diskussion. Er war zwar wenig einsichtig, aber das war mir am Ende egal, denn ich habe ihm meine Tipps gegeben und was er daraus machte, war mir dann egal. Danach bekam er dann aber Hasskommentare – völlig unpersönlich und unsachlich. Daraufhin löschte er seine Videos, seine Antworten auf meine Kommentare, meine Kommentare auf seiner Facebookseite. Er gab sogar mir die Schuld für die Haterkommentare.  Ich war sauer. Zum einen auf die Hater, weil sie meine Diskussionsarbeit mit nur einem dummen Spruch kaputt machten. und zum anderen auf Ihn, denn ich habe mir mindestens 2 Stunden Zeit genommen, mich mit ihm auseinanderzusetzen, um dann am Ende als Hater bezeichnet zu werden?

Ist das tatsächlich das Internet, das wir haben wollen? Wo wir Leute fertigmachen? Wo wir jemandem, der aus Unwissenheit einen Fehler macht, ins offene Messer rennen lassen, aus Angst, dass man auf eine Seite mit pubertären Beleidigern gestellt wird? Soll ich Leuten überhaupt noch helfen, wenn es doch in den meisten Fällen so endet?

Das ist nicht mehr mein Internet

Ein Netz in dem man davor Angst haben muss, dass jemand seine verbalen Egoprobleme öffentlich ausleben muss, ist nicht mein Internet. Ich bin zu alt für Kindergartenverhalten. Ich diskutiere gerne, aber wer beleidigt, hat hier nichts verloren. Wer nicht diskutieren kann, soll es lernen, aber mir nicht auf den Senkel gehen.

 

4 Kommentare

  1. Ich habe den Eindruck, das hängt mit dem totalen Verfall der Diskussionskultur zusammen. Die Leute wissen gar nicht mehr wirklich, wie man diskutiert. Man schlägt sich dem einen oder anderen Lager zu und natürlich hält sich jedes Lager für das beste und der Wahrheit am nächsten. Kommt es dann doch mal zu Gegenargumenten, werden keine Argumente, sondern Keulen ausgeteilt, z.B. „Nazi“, „Antisemit“, „Rassist“, „Frauenhasser“ etc.

    Ein anderes Problem ist natürlich die beschränkte Meinungsfreiheit in Deutschland, die es verhindert, dass man manches mal ein A…loch einfach als ein solches benennen kann…

  2. Interessant ist, dass du offensichtlich in Kreisen unterwegs bist, in denen Hater üblich sind.
    Ich will dir nicht widersprechen, Diskussionen im Internet sind schnell infiltriert, aber in den Kreisen und Diskussionsgruppen in denen ich mich bewege, gibt es keine Hater. Dort läuft alles zwar hitzig, aber gesittet zu. Und ich kann nicht sagen, dass ich mich wenig im Netz bewege, daran liegt es also nicht, dass ich kaum Hatern begegne.

    Hilfreich sind übrigens Diskussionsorte an denen gegen potentielle Hater vorgegangen werden kann. Foren, die Anmeldungen benötigen, und im Falle von Nettiquette-Überschreitungen aus der Diskussion entfernt werden können, Reddit, bei der die Community entscheidet, unpassende Kommentare auszublenden, Blog-Kommentarsysteme mit ähnlichen Funktionen… Das Internet wandelt sich, die Art und Weise damit umzugehen sollte es auch.
    Wenn du auf einer bestimmten Plattform regelmäßig mit Hatern konfrontiert wirst, dann meide diese, anstatt dich nur darüber aufzuregen und dann erneut in den Bienenstock zu begeben.

    Viele Grüße
    Alex

    • Das dachte ich mir beim Lesen gerade auch, Alex. Kommt vor, klar, und ich verstehe auch deinen Unmut, Tiia, sowas suckt. Aber an der Tagesordnung ist das bei mir auch nicht, ich bemerke kein höheres Aufkommen solcher Zeitgenossen. Taucht einer auf, ziehe ich mich gleich aus Diskussionen zurück oder ärgere ihn oder sie ein bißchen, wenn ich gerade in Tiger-Laune bin. 😉 Und nach dem Schließen des Browsers ist die Sache vergessen. Man kann das Verhalten dieser Leute eh nicht ändern, warum also Energie in eine fruchtlose Auseinandersetzung stecken?

  3. Es macht mich traurig sowas zu lesen und ich finde es schade, dass es soweit kommen konnte. Was nun tun? Wie den Leuten klar machen, dass es bei einer Diskussion nicht ums „Recht haben“/“Gewinnen“ geht?
    Ist aber vielleicht auch tatsächlich eine Frage der Kreise in denen diese Diskussion stattfindet. Gerade Feminismusthemen sind im Internet ja ein sehr heißes Eisen.

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