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Gothic Friday – Wie bist du in die Szene gekommen?

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Mein Lieblingsdunkelblogger Robert von www.spontis.de und Shan Dark vom Schwarzen Planeten haben für 2011 ein Blogprojekt gestartet, an dem ich gern teilnehmen werde. Nachdem ich eigentlich dieses Jahr kein Blogprojekt gefunden habe, bei dem ich der Meinung bin, es sei wert mitzumachen, freut es mich natürlich umso mehr, dass ich den Blogpost hierzu in meinem Feed Reader gefunden habe. Gothic Friday funktioniert ähnlich wie der Webmaster Friday, findet allerdings monatlich statt, was mir auch ganz recht kommt.

Dieser Beitrag soll nun für die Januarfrage stehen, in der Robert fragt „Wie seid ihr in die Szene gekommen?“ Ganz passend als Einstieg in so eine Blogreihe.

Wie aus dem süßen blonden Mädchen das schwarze Schaf der Familie wurde

Ich bin ja noch nicht so alt und man kann mich gern als Second Generation Goth‘ bezeichnen. In der Zeit, wo Gothic seine Geburtsstunde feierte, tat ich genau das gleiche. Geboren und erstmal größer werden. Meine ersten Kontakte mit der schwarzen Szene hatte ich recht früh in der Schule. Im Religionsunterricht hatten wir ein uraltes Schulbuch aus den Zeiten der Entstehung der Gothic Szene und natürlich voller Vorurteile, verdrehter Fakten und falschem Halbwissen.

Ich war noch nie ein Kind, das alles hingenommen hat, was ihm präsentiert wurde und so faszinierte es mich, dass man uns so sehr davon fernhalten wollte und ich begann zu hinterfragen. Ich meine wie verlockend ist es für einen Teenager denn, etwas zu kennen, wovor sich selbst die Lehrer so fürchteten, dass sie das „Haltet euch von diesen Leute fern“ beinahe in uns einprügelten.

Damit war für mich der Szene gegenüber zumindest eine Grundsympathie vorhanden.

Den wirklichen Einstieg fand ich damals aber über die Musik, wie es eigentlich so häufig ist. Nicht ganz unschuldig daran waren diverse Musikmagazine, die ich mir monatlich zulegte und deren CD-Beigaben ich immer entgegenfieberte. Meine Bands, wo es richtig „Klick“ gemacht hatte waren damals HIM, Amorphis, Type O Negative, Cradle of Filth und Lacrimosa sowie Goethes Erben. Später kamen auch noch Umbra et Imago und Das Ich dazu. Alles Bands denen ich aufgrund ihres starken Einflusses auf mein Leben auch bis heute die Treue halte.

Auch wenn viele jetzt sicher aufgrund der Bandwahl mit den Augen rollen werden, es ist nun mal wie es ist. Jeder hat unterschiedlich in die Szene gefunden und nicht jeder konnte mit The Sisters of Mercy aufwachsen. Meine Musik war damals ein großes Thema, weil sich gerade in der schwarzen Szene viele Menschen immer sehr extrem mit ihrer Bandwahl identifizierten und jede Band die nur daran „kratzte“ irgendwie mainstreamig zu wirken direkt „ausgestoßen“ wurde. Egal ob man ihre Musik vorher gemocht hat oder nicht. Mir waren so Sachen egal. Wenn ich mich mit Musik identifizieren konnte, habe ich sie gehört, unabhängig ihrer eventuellen Chartposition, die sie irgendwann mal erreicht hat.

Das Unverständnis darüber, wieso ich freiwillig Musik höre, die sich mit Leid, Schmerz und Tod beschäftigt, bereitete meinem Umfeld regelmäßiges Unbehagen. In meiner Familie, in der man nach außen immer eine kleine heile Welt präsentieren wollte, hatten Gefühle keinen Platz. Die Äußerung von Emotionen wurde im Gegenteil sogar als Schwäche angesehen, sodass ich Trauer und Wut bis zu dem Zeitpunkt immer heruntergeschluckt habe und nie wirklich verarbeiten konnte. Mit der Musik war das auf einmal anders. Sie öffnete meine Seele, und so konnte ich all meinen angestauten Schmerz einfach nur beim Hören loswerden. Man fühlte sich auf einmal verstanden, weil da jemand war, der über Dinge sang, die einen selbst beschäftigten und die man nicht auszusprechen wagte.

Nach der Musik versuchte ich mich auch optisch immer mehr mit der Szene zu identifizieren. Recht schnell färbte ich meine blonden Haare erst braun, dann schwarz. Das hatte für mich noch einen anderen Vorteil. Seit ich ungefähr 11 war wurde ich immer wieder von Jungs, teils auch Männern bedrängt, die auf blonde Mädels abfuhren. Das hörte mit schwarzen Haaren endlich auf. Männer mögen dunkle Haare scheinbar nicht so gern wie blonde Haare. Für meine Mutter war diese Veränderung natürlich der Schock schlechthin. Sie drohte mir sogar, mich vor die Tür zu setzen, sollte ich mir die Haare wirklich schwarz färben. Das tat sie allerdings erst 2 Jahre nach meiner ersten Schwarzfärbung aus anderen Gründen.

Schwarze Kleidung, Bandkleidung und Szene-Accessoires unterstrichen die Richtung in die ich mich bewegen wollte. Schwarze Kleidung schafft eine Mauer um sich herum, die nur für die existiert, mit denen man nichts zu tun haben wollte, weil sie einen sowieso nicht verstehen. Aber diese Mauer hält nicht nur Leute fern, sondern sie schützt auch denjenigen der sich in ihr befindet. Zudem fühlte man sich unter Gleichgesinnten wohl, weil man sich erkannte und sofort wusste, wer ähnlich denkt und auch ähnlich viel Schmerz in sich trägt wie man selbst.

Anders als die meisten um mich herum, für die die Szene mehr so eine Phase war, habe ich mich von ihr nie wirklich entfernt, sondern beobachtete wie nach und nach das, was ich unter Gothic verstand, von etwas überlaufen wurde, was für mich „Techno mit pseudobösen Texten“ war. Gothicpartys spielten nur noch Elektro. Auf den CD-Beigaben der Musikmagazine fanden sich auch nur noch Elektrolieder. Alles etwas, womit ich nichts anfangen konnte. Cyber Gothics waren mir von Beginn an suspekt und bis heute verstehe ich sie nicht, auch wenn das mittlerweile immer DAS gängige Bild ist, was Leute von Gothic vor Augen haben.

Neben der Gothic Szene, die zumindest für mich nur einen Bruchteil dessen ausmacht, was ich unter „schwarze Szene“ verstehe identifizierte ich mich auch stark mit der Metalszene, da fast alle meine Freunde aus dem Bereich kamen und mit der Rockabilly und Psychobilly Szene, die ich teilweise nicht unbedingt zur schwarzen Szene zählen würde, die aber gerade im Musikbereich, meine Playlisten ergänzt.

Das war er, mein Einstieg in die Szene. Lang ist der Beitrag geworden, aber so einen wichtigen Abschnitt in seinem Leben kann man nicht kurz fassen.

 

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21 Kommentare

  1. Pingback: TiiaAurora

  2. Guten Morgen,..

    … schöner Artikel. Wie ich selbst dazu gekommen bin weiß ich nicht mehr so genau. Ich neige dazu zu sagen, ich war schon immer so. Letztes Jahr waren es dann doch erst 20 Jahre.

    Tja – Bands waren schon immer ein Hindernis zwischen den Generationen. Bei uns waren es Lacrimosa, Goethes Erben und weitere für die wir belächelt wurden. Ich denke mal, es sind einfach die krassen Veränderungen der Musik und natürlich der Gesellschaft drum herum. Der Drang der Musiker auch kommerziell erfolgreich zu sein, und somit auch unweigerlich Mainstream zu werden. Ich kenne es von mir, wird etwas Maintream lehne ich es ab. Es passiert einfach so.

    Liebe Grüße – blue-matrix

  3. Total interessanter Artikel, den ich ohne Absetzen „in einem weg verschlungen“ habe. Irgendwie bin ich fasziniert davon.
    Echt gerne gelesen!

  4. Ich habe gerade kein besseres Bild gefunden auf die Schnelle… aber wir zwei hatten damals wohl einen ähnlichen „Stil“. 😀 http://i88.photobucket.com/albums/k162/bunkerwunder/ErbseBilder1988-2003/1schultag.jpg

    Toll geschrieben! Ich bin auf die nächsten Gothic Fridays gespannt. 🙂

  5. Also persönlich stehe ich mehr auf dunkle Haare, wobei Blonde Frauen auch schön sein können. Aber leicht werden sie als Dummchen und leichte Beute angesehen. Dunkle oder fast schwarze Haare machen geheimnisvoller.
    Interessanter Bericht!

  6. Wenn Bands, die am Mainstream kratzen, nicht mehr gehört werden sollten/dürften, würden Sisters of Mercy und The Cure zuerst rausfliegen. 😉 Kein Grund also, sich für den Musikgeschmack zu rechtfertigen. Musik ist Medizin – in jeglicher Hinsicht. Dein Artikel zum Thema beweist das einmal mehr. Dass die schwarze Kleidung als Mauer dient, habe ich zwar niemals so empfunden und auch der „Schmerz“ spielt in meiner Geschichte keine Rolle, aber ich bin ja auch die „erste Generation“. Vielleicht war das da noch anders oder meine Geschichte ist einfach eine andere. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick.

  7. Liest sich wirklich angehm flüssig und die Bandwahl ist gut (: Wobei man immer mehr mit dunkleren Haaren findet…wobei nur noch der kleinste Teil davon wirklich Goth ist

  8. Echt interessant und gut geschrieben – liest sich prima „am Stück“. Ist auch schön rund, wie ich finde – also das Wesentliche drin.

    Ich persönlich hab ja für Type-O-Negative vollstes Verständnis, sie waren im Bereich Goth-/Doom-Metal wegweisend. Schön, dass Du auch heute szeneübergreifend hörst – ist bei mir genauso. Sonst entwickelt man sich auch nicht so recht weiter, bekommt weniger neue Einflüsse. Oft wird dann erst klar, wie in der Musik viele Dinge gegenseitig beeinflusst wurden oder voneinander abhängen.

  9. Pingback: Koffinkitten - oder das tägliche Leben als Studentin

  10. hallo Ricarda,
    wo soll ich die
    blumige Antwort ablegen?
    Ach, sortier das mal selber.
    Grußundsegen

  11. Danke für den Einblick in Dein Schwarzwerden und Schwarzsein! Dem Gednaken mit der Mauer durch schwarze Kleidung gehe ich noch etwas nach…

  12. Ach Ja, die schwarze Szene…
    Ich laufe zwar nicht mehr so schwarz rum, wie noch vor ein paar Jahren, aber in einigen Punkten, die Du erwähnt hast, hab ich mich auch wieder erkannt.
    Ich gehöre wohl auch eher zu denen, die mit Sisters gross geworden sind (hab so ´85 rum angefangen, schwarz zu tragen) und wenn ich heute auch eher „ziviler“ aussehe, begleitet mich doch die Musik immer noch. Metal war bei mir, genau wie bei Dir, auch immer ein Teil meines Lebens und ohne Metallica und Joy Division wäre ich einfach nicht ich, obwohl Metal und schwarze Mucke, egal welcher Art, nur ein Teil dessen sind, was ich an Musik höre, aber auch das kennst Du ja, wenn ich Deine Tweets so lese.

  13. Pingback: Gothic Friday – Das Januar Resümee – Spontis Weblog

  14. Pingback: Gothic Friday Februar: Musik und Leidenschaft

  15. Ich bin glaube ich ne ganze Weile später erst darein gerutscht. Ich begann mich irgendwann mit Vampirmythen zu beschäftigen, stolperte über Lieder von Lacrimosa, Goethes Erben, und anderen einschlägig bekannten Bands und dann bekam ich auch noch eine Banknachbarin aus der Szene und das (Un-)Glück nahm seinen Lauf 🙂
    Naja, mittlerweile sehe ich in der Szene mehr als ein großer Jahrmarkt der Eitelkeiten, zumindest in denen meiner Region. Aber trotz der Oberflächlichkeit die sich daraus entwickelt hat, ist es für mich mittlerweile zum Urlaub geworden im WGT abzutauchen ^^ Flucht aus der Realität, yay!

  16. Der Konflikt mit den Cyber-Goths ist immer wieder faszinierend. Grundsätzlich ist es überhaupt nichts Neues, dass sich die Szene über die Jahre in verschiedene Subkategorien aufgeteilt hat, die sich in diversen Interessensgebieten, aber auch in Musik und Kleidung markant unterscheiden. Sei es Mittelalter, Batcave, Dark Romantic, Darkwave, Horrorpunk, bla bla…alles findet idR seinen ästhetischen Platz im schwarzen Blumenstrauß. DANN kamen die Cyber und mit ihnen eine urplötzliche Diskussion über Grundwerte, Ideologien und die Frage nach Zugehörigkeit. Die musikalischen Wurzeln sind jedenfalls vorhanden. Industrial, EBM und Wave gibts seit Ewigkeiten, ebenso entsprechen die Klamotten eben einem futuristisch, gepimptem x-tra-x Standart. Trotzdem mag sie keiner haben und die Nachfrage von der eigenen Toleranz, welche Goths ja so gerne in’s Normalovolk hineinschreien, verhallt in der eigenen Inakzeptanz. Vllt ist es auch der Fakt, dass man innerhalb einer Randgruppe plötzlich von einem Trend heimgesucht wird, den man nicht beeinflussen kann und der unter der Prämisse einer unabhängigen Subkultur anzugehören irgendwo schon witzig, ironisch ist.

    Ja, auch ich finde es doof, wenn man sich einer Szene anschließt in der es (laut deren Meinung) Ziel ist sich schwarz zu kleiden und „Party zu machen“ und man nicht gewillt ist sich damit auseinanderzusetzen, woher das Ganze überhaupt kommt. Dennoch muss ich gestehen, dass ich bis heute auf Aggrotech abfahre und auch schon mit Knicklichtern in nem Käfig getanzt hab. 😉

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