Das ganz normale Chaos

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„Geh dich ritzen“ – Psychische Krankheiten und die Gesellschaft

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Vor ein paar Monaten gab es mal den Hashtag #isjairre auf Twitter. Dort konnten Betroffene darüber reden, welche Erfahrungen sie mit dem Gesundheitssystem und der Gesellschaft wegen ihrer psychischen Erkrankungen gemacht haben. Ich will mich jetzt nicht an einzelnen Krankheiten aufhalten, weil es ja eigentlich egal ist, ob man nun zu wenig Dopamin oder Serotonin im Hirn hat. Beides hat Auswirkungen auf den Menschen und mit beidem kann das Leben schwerer sein, als man es gern hätte.

Ist es okay Witze über Betroffene zu machen oder ihre Krankheit zu stigmatisieren? Das kommt ganz darauf an.. 

Für viele Betroffene ist es einfacher, mit ihrer Krankheit humoristisch umzugehen. Zum einen können sie so Nichtbetroffenen den großen Schrecken davor nehmen, zum anderen gehen sie auch offensiv mit ihrer Krankheit um. Bringt man Leute dazu, mit ihnen zu lachen, so verhindert man, dass sie über einen lachen.

Auch wenn Betroffene über sich selbst witzeln, so ist es immer noch was anderes, wenn Nichtbetroffene diese Witze machen. Denn über jemanden zu lachen ist immer noch etwas anderes, als mit jemandem zu lachen. Und weil ein Betroffener mal mit dir lacht, heißt es nicht, dass er nicht verletzt ist. Vielleicht will er sich auf einfach nicht die Blöße geben, denn sich öffentlich zu einer psychischen Erkrankung zu bekennen, ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Stempel, den man schwer los wird.

Stell dich nicht so an – Spirale nach unten

So habe ich mich auf Twitter nun darüber beschwert, dass ich einen witzig gemeinten Spruch über eine Erkrankung nicht witzig fand. Und was kam? „Stell dich nicht so an.“, „Spiel dich nicht in den Mittelpunkt.“, „Mach nicht so ein Drama.“  von gesunden Menschen.

Eine psychische Erkrankung ist in den meisten Fällen nicht einfach da. Sondern sie wird im Laufe des Lebens erkannt oder entwickelt sich im Laufe des Lebens. Meist ist man auch nicht von 0 auf 100 krank, sondern es ist ein schleichender Prozess, der irgendwann an einen Punkt gelangt, an dem das Leben ohne eine Behandlung nicht mehr möglich ist.

In der Phase der Entwicklung versucht der Kranke – der sich noch gar nicht im Klaren ist, dass er erkrankt sein könnte – zu improvisieren. Hat er zum Beispiel Panikattacken, vermeidet er Triggermomente und geht seinen Ängsten aus dem Weg. Hat er Depressionen, spürt er zwar dass es ihm schlechter geht, aber er tut es nur als Phase ab, die vorbei geht. Doch sie kommt wieder und mit jedem Mal ist sie stärker.

Mitmenschen reagieren mit Binsenwahrheiten wie „Stell dich nicht so an“ oder „Geh mal unter Leute.“ Tipps die bei psychischen Erkrankungen fatal sind, denn sie machen den Erkrankten zum Schuldigen seiner Krankheit. Und Schuldgefühle vereinen fast alle Erkrankten. Das Gefühl des Versagens, das Gefühl minderwertiger zu sein.

Die Scham sein Leben selbst nicht im Griff zu haben, verhindert häufig dann den Weg zur professionellen Hilfe. Man denkt, man habe keine Hilfe verdient, weil man ja selbst an seiner Lage schuld sei.  Irgendwann gibt sich der Erkrankte auf und glaubt nicht mehr daran, einen Platz in dieser Welt zu haben.

Sensibilität und Empathie

In Deutschland wird häufig lang darüber diskutiert, dass man das Recht zu etwas habe. „Ich darf das machen, weil es mir kein Gesetz verbietet.“ Aber Gesetze sind nur die rechtlichen Grundlagen für den Staat Vergehen ahnden zu können. Das Gesetz sollte nie der moralische Kompass eines Menschen sein. Nur weil man das Recht zu etwas hat, heißt es nicht, dass es eine gute Idee ist.

Man hat das Recht, Witze über Behinderte zu machen. Trotzdem würde man in keine Einrichtung mit Behinderten gehen und dort Witze über sie machen. Man hat das Recht dreckige Witze zu machen. Als Anlass den 70sten Geburtstag seiner Oma zu wählen ist vielleicht auch nicht die beste Idee.

Menschliches Miteinander funktioniert nur, wenn wir unser Gegenüber akzeptieren und auch Rücksicht nehmen, diesen weder körperlich noch seelisch zu verletzen. Mitgefühl – Empathie, es fehlt den meisten genau hieran. Und selbst wenn dies mal versehentlich passiert – dann entschuldigen wir uns. Wir suchen keine Ausreden, wieso wir das Recht dazu hatten, sondern wir beweisen Größe und sagen „Sorry. War doof.“

„Geh dich ritzen“

Nachdem die Sache eigentlich schon geklärt war, mockierte ein Twitterer über mein Verhalten. Er beschwerte sich, dass ihn Leute nerven, die Wert auf politische Korrektheit legen. Ich solle mich doch ritzen gehen.

„Politische Korrektheit“ wird in zwei Zusammenhängen verwendet. Zum einen als Ausdruck von Rücksichtnahme diskriminierter Minderheiten. Indem man Begriffe vermeidet, die Ausdruck einer Leidenszeit oder eines Leideswegs der Diskriminierung waren bzw sind. Es ist also Rücksichtsnahme.

Zum anderen wird der Begriff auch gern von konservativen Menschen verwendet, die „Politische Korrektheit“ als Mittel der Zensur und Meinungsfreiheit empfinden. Durch sie würden Fakten und Wahrheiten unter den Tisch gekehrt. Die Entschuldigung sei das Deckmäntelchen der „Politischen Korrektheit“.

In der auslösenden Situation wurde mit einer Krankheit eine Eigenschaft in Verbindung gebracht, die mit der Krankheit nichts zu tun hat. Eine Richtigstellung dieser Situation hat also weder Fakten unter den Tisch gekehrt, noch Wahrheiten zensiert. Im Gegenteil – es wurde eine falsche Verknüpfung gerade gerückt.

Findest du das wirklich so schlimm?

Auch wenn der Spruch eher noch zu der harmloseren Sorte gehörte, so finde ich die Situation schlimm, in der sich psychisch Erkrankte in unserer Gesellschaft befinden. Belächelt, nur scheinbar akzeptiert und am Ende doch ausgestoßen. Zwar gibt es immer einmal wieder Lichtblicke, die mich hoffen lassen, aber es ist dennoch einfacher mit einem gebrochenen Arm als Kranker wahrgenommen zu werden als mit einem Botenstoff-Mangel im Hirn. Den sieht man immerhin nicht.

Und damit man sich ein Bild davon machen kann, wie Serotonin- und Dopaminmangel das Leben verändern können, habe ich eine kleine Liste zusammengestellt.

Serotoninmangel:

  • Depressionen
  • Angst- und Zwangsstörungen
  • Suchtverhalten
  • Starke Migräne
  • Magen- Darm Probleme
  • Reizbarkeit
  • Unvermögen mit Stress umzugehen
  • Aggressionen
  • Verschobener Schlafrhythmus
  • gestörtes Sexualverhalten
  • Esssucht

Dopaminmangel:

  • Parkinson
  • Müdigkeit
  • körperliche Schwäche
  • Konzentrationsstörungen
  • Vergesslichkeit
  • ADS/ADHS
  • Selbstzweifel
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Restless Leg Syndrom
  • Esssucht
  • Unfruchtbarkeit

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4 Kommentare

  1. Guten Morgen Ricarda, ich stimme Dir voll zu, möchte das aber noch um die körperlichen Handicaps erweitern.
    Wenn jemand wie Raul Witze über seine Größe macht, ist das das eine, wenn jemand anderes das macht, ist das in meinen Augen ein No-Go.
    Genauso würde ich bei mir reagieren, ich darf über mein cerebrales Krampfleiden Witze machen, bei anderen wäre es die Frage, wer das ist, bei guten Freunden wäre es zu tolerieren meinerseits, aber generell macht man über Handicaps, egal ob psychisch oder körperlich keine Witze.

  2. Pingback: Reiß dich zusammen und stell dich nicht so an | Evil Blog

  3. Das Phänomen ist ja leider allgegenwärtig. Und das obwohl BurnOut und Depressionen zur Volkskrankheit avancieren. Selbst in Kliniken, wo man es eigentlich besser wissen sollte, wird Borderline mit „Die braucht doch nur ´ne Watschn“ kommentiert, Angestellte mit drohendem Burn Out suchen sich keine Hilfe, aus Angst vor beruflichem Abstellgleis weil sie dann für den Job „nicht mehr belastbar“ sind.

    Was das betrifft, sind wir was Akzeptanz und Verständnis anbelangt noch lange nicht soweit wie wir eigentlich sein sollten.

  4. Pingback: Viel mehr -I’m #NotJustSad | Sternschnuppe Blog

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