Das ganz normale Chaos

Die Welt ist Lava

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Der Boden ist Lava, ein Spiel das viele aus Kindheitstagen kennen. Man darf nicht den Boden berühren und muss kreativ von Stuhl zu Sofa und meinetwegen auch zum Tisch klettern. Zwischendrin oder wenn jemand dem Boden zu nahe kommt, ruft man „Der Boden ist Lava!!“ und klettert lachend weiter. Ich kletter nicht und ich lache auch nicht, denn für mich ist die Welt Lava. 

Es ist kein Spiel und es ist auch nicht lustig. Es ist anstrengend und es zehrt an meinen Kräften und Nerven. Alles um mich herum wirkt auf mich ein, als wäre es Lava und als würde es meine Energie verbrennen, die ich wohlbehütet in mir versuche herum zutragen. Seien es neue Eindrücke, Lärm – meist nur Geräusche, die für mich so präsent wie Lärm sind, neue Menschen, generell Menschen, ungewohnte Situationen, unplanbare Situationen. Alles ist Lava. Sonne ist Lava – sie blendet mich, Regen ist Lava – er macht Geräusche, denen ich schwer ausweichen kann, Wind ist Lava. Alles ist Lava.

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Dann suche ich Orte, wo das alles nicht da ist. Wo ich Ruhe finde, wo ich allein sein kann. Manchmal sind es Bibliotheken, manchmal sind es Kirchen hier, die unter der Woche kaum von Touristen besucht werden. Dort findet man Ruhe, dort ist es dämmrig und dort sind die Menschen so, wie ich sie bevorzuge – ruhig, still und in sich gekehrt. Aber dann komme ich nach Hause, habe eine Baustelle um Haus, laute Nachbarn, laute Musik und dann ist wieder alles Lava. Dann ist mein Zuhause Lava, dann bin sogar ich Lava, denn ich bin unglaublich gereizt und immer am Rande des Ausbruchs. Ich stehe mit Tränen in den Augen in meinem Flur, schaue mich um und frage mich in welchem Zimmer es am leisesten ist.

Meist ende ich mit meinem Kopfhörer auf den Ohren im Bett. Dazu ein Video von Heather Feather laufend, das mich beruhigt und mir das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist, dass ich keine Gefahren fürchten muss. Aber die Energie ist weg. Und es versteht mich niemand, der das nicht selbst einmal durch machen musste. Das Gefühl, dass die Welt gerade Lava ist und man keinen Tisch hat, auf den man klettern kann.

3 Kommentare

  1. Liebe Tiia,

    bei mir sind es Geräusche und Sonnenlicht. Wenn die Sonne scheint und ich habe keine Sonnenbrille dabei, werde ich nervös. Gerade jetzt scheint sie diffus (noch nicht einmal direkt) in mein Arbeitszimmer, alles ist furchtbar grell, und ich sitze hier mit zusammengekniffenen Augen und zusammengekniffenen Synapsen und habe Kopfschmerzen.
    Geräusche sind Hitler. Menschen, die durcheinander sprechen, sind mein persönliches Armageddon, ich kann mir kaum etwas Unangenehmeres vorstellen. Unsere Familienfeste mit Kind und Kegel (und lauter Verwandten, denen Durcheinandersprechen überhaupt nichts ausmacht) sind ultraanstrengend für mich, eine Kakophonie des Grauens.

    Ich bin, glaube ich, nicht autistisch, ich habe diese extreme Empfindlichkeit und schnelle Überlastung immer eher als Resultat einer Hypersensibilität gesehen, aber die Übergänge zwischen Autismus, HB, Hypersensibilität und AD(H)S sind ja ohnehin so fließend, dass eine scharfe Abgrenzung da gar nicht möglich ist.

    Was ich sagen will: ich verstehe. <3

    Meike

  2. Ich kann zu meinem Glück nicht genau, sondern nur ungefähr nachvollziehen, wie es dir geht. Ich arbeite im Großraumbüro und sobald es mehr als eine Geräuschquelle gibt, fällt es mir schwer, mich vernünftig zu konzentrieren. Auch der Durchgangsverkehr trägt zu optischer Ablenkung und damit zu Stress bei. An „schlimmen“ Tagen fühle ich mich ganz schön gerädert mit Pech kommen Kopfschmerzen dazu. Anderen scheint das nicht so viel auszumachen und können da meinen Standpunkt und das Bedürfnis in Ruhe zu arbeiten nicht nachvollziehen. Auch Musikhören hilft mir da nicht, da ich sie richtig laut aufdrehen müsste, um alles zu übertönen und das Gewusel der Leute wäre trotzdem noch da. Aber das alles ist bei mir nur störend und keine Lava wie bei dir.

    Ich drücke dir die Daumen, dass die Baustelle um deine Wohnung bald weg ist und dass du vielleicht andere Nachbarn bekommst oder du einen Ort findest, wo du die Ruhe bekommst, die du brauchst!

  3. Danke für die Idee mit der Kirche. Hier ist seit 3 Wochen auch Baustelle direkt vor dem Fenster. Da könnte so ein Ausflug in eine reizarme Kirche mal gut tun.

    Dir noch viel Kraft, Tiia.

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