Das ganz normale Chaos

fischi

Das Richtige tun und mit zittrigen Händen ein Leben retten

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[Updates am Ende des Textes] Ich habe einen schrecklichen Morgen hinter mir. Einen schrecklichen Vormittag und nur langsam ist mein Kreislauf wieder soweit beieinander, dass ich klar denken kann. Es gibt Dinge, die nehmen einen mit und es gibt Entscheidungen, egal wie klein sie für einen Außenstehenden zu sein scheinen, die gehen an die Nieren.

Alle meine Tiere, die mit mir hier leben, also die Fische und Katzen sind Familienmitglieder. Wenn es ihnen nicht gut geht, dann geht es mir auch nicht gut und  ich suche nach Lösungen ihnen zu helfen. In den letzten Tagen sah alles gut aus. Die Fische waren munter, die Guppymädchen wurden immer kugelrunder und ich erwartete mit Vorfreude jeden Morgen, wenn das Licht anging, dass eine kleine Guppykinderschar mich begrüßte.

Heute morgen war dies wieder nicht der Fall und ich wollte gerade dazu übergehen, die Fische zu füttern, als mit auffiel, dass ein Weibchen teilnahmslos an der Oberfläche verharrte. Sie lebte noch, schien apathisch. Jagte nicht zur Scheibe um mich zu begrüßen sondern blieb in ihrer Ecke. Nicht gut, gar nicht gut. Ich habe schon viele Guppygeburten miterlebt und zwar ziehen sich die Mütter zurück, wenn es losgeht, aber meist an den Boden in Pflanzenverstecke und nicht an die Oberfläche.

Ihr Bauch sah seltsam aus. Zwar rund aber seltsam verformt, als würde sie gleich platzen. Mir schwante schon füchterliches. Ich hatte gehört, dass Guppys eine Laichverhärtung bekommen können und somit ihre Kinder nicht auf die Welt bekommen können, aber in all den Jahren hatte ich das nie erlebt. Ich hatte anscheinend immer pflegeleichte Fische.

„Eine unbehandelte Laichverhärtung endet für das Muttertier immer tödlich“. Das sind die Worte, die man nicht lesen möchte. Abwechselnd zwischen Aquarium und PC hin und hergehend, in der Hoffnung, sie sei jetzt wieder fit, musste ich eine Entscheidung treffen. In einem Guppyzüchterportal wurde das Thema behandelt. Dort geht es zwar um teure Hochzuchtguppys und die sind teuer und man will sie deswegen nicht verlieren, aber hier geht es um Fische, die mir ans Herz gewachsen sind. Der Preis eines Fisches ist fast lächerlich, aber ich will nicht, dass dieser Fisch stirbt, weil ich nichts gemacht habe.

Es wurde geraten, den Fisch aus dem Becken zu fangen, zwischen zwei sehr nasse Küchentücher zu legen, damit er nichts sieht und auch keinem schlimmen Stress ausgesetzt ist und dann vorsichtig mit einem ebenfalls nassen Wattestäbchen den Hinterleib sanft nach hinten auszustreichen, damit die Eier natürlich abgehen. Ich las das und war schockiert. Der Fisch ist vielleicht 2 cm groß und ich hab morgens eine Feinmotorik eines Bauarbeiters, aber ich wollte nicht, dass sie stirbt, weil ich nichts gemacht habe.

Sie war glücklicherweise kooperativ. Sie ließ sich direkt fangen und ich legte sie vorsichtig zwischen die zwei mit Aquarienwasser getränkten Küchentücher. Sie zappelte kaum, als sei es ihr egal was passiert. Ich hatte kein Wattestäbchen und nahm ein Wattepad, knickte es einmal um eine feste Kante zu bekommen. Ich musste ja ein BISSCHEN Druck ausüben können. Dann saß ich da, mit dem Fisch vor mir, dem Wattepad in der Hand und zahlreichen Bildern in meinem Kopf, die alle davon handelten, wie ich dem Fisch garantiert schlimm weh tun würde.

Ich nahm mich zusammen, ich wollte sie nicht länger als nötig außerhalb des Beckens lassen. Ich strich vorsichtig über ihren Hinterleib und einige Eier plöppten (natürlich machte sie nicht das Geräusch, aber sie hätten es machen können, wäre der Fisch größer gewesen) direkt aus dem Fisch. Der Bauch hatte so unter Spannung gestanden, dass kaum Druck notwendig war.

Es waren unbefruchtete Eier, keine Fische. Wer nun meckert, dass Guppys ja keine Eier legen würden, der hat zwar recht, aber das heißt nicht, dass die Fische nicht darin groß werden. Sie kommen vor der Geburt aus dem Ei und werden als kleine komplette Fische entlassen. Eier hat so ein Mädel dennoch im Bauch.

Ich versuchte also vorsichtig alle Eier herauszustreichen. Sie war merklich dünner und ungefähr die Hälfte ihres Körpervolumens lag als Eier hinter ihr. Ich schaute noch einmal genau nach um sicher zu gehen, dass es gründlich war, aber sowas sieht man natürlich schlecht. Ich hoffe es zumindest. Danach setzte ich sie vorsichtig zurück ins Becken. Sie war immer noch apathisch, aber das ist normal, denke ich. Sie und ich hatten nen harten Morgen und ich zitterte mindestens genauso wie sie. Nur länger.

Ich hätte auch nichts machen können, aber dann hätte ich zugesehen, wie sie stirbt. Ich hätte auch einen Fehler machen können bei dem Versuch sie zu retten. Aber wir hatten nichts zu verlieren. Sie scheint ein bisschen agiler zu sein, schwimmt ein wenig herum. Aber ausgestanden ist es noch nicht. Die nächsten Tage entscheiden, ob sie es übersteht. Ich hoffe es so sehr. Ich hoffe, dass nicht alles umsonst war.

Natürlich gibt es diese „Es sind doch nur Fische“ Leute, aber wenn sich ein Tier in meiner Obhut befindet, gibt es kein „nur“. Jedes Tier ist wichtig, jedes Tier ist es Wert, gerettet zu werden, egal wie groß oder klein ein Tier ist. Drückt mir die Daumen, dass sie es schafft.

[Update vom 14. Februar]

Sie wirkt heute ein bisschen munterer, frisst aber noch nichts. Ich weiß leider nicht wieso, denn als ich die anderen fütterte, schwamm sie zwar mit ihnen verhalten hin und her (das hat sie gestern noch nicht gemacht) aber sie möchte nichts vom Futter. Ich habe sie dann separat gesetzt in ein Behältnis mit niedrigem Wasserstand, weil ich vermutete, dass sie sich schont und nicht zu viel bewegen möchte, doch vermutlich hatte sie darin zu viel Angst um zu fressen.

Sollte sie morgen nicht anfangen zu fressen, muss ich mir was anderes überlegen. Dass sie aber wieder ein wenig herumschwimmt und auch gestern Nacht mit den anderen auf den Pflanzen „schlief“ gibt mir ein bisschen Hoffnung.

[Update vom 15. Februar]

Heute ist ein trauriger Tag, denn die kleine Fischfrau hat es nicht geschafft. Als ich heute morgen die Gruppe füttern wollte, lag sie auf einem Blatt im Aquarium und wollte nicht mehr herumschwimmen. Gegen Mittag lag sie ruhig im Kies in der Ecke. Die anderen Fische haben sie nicht gestört. Ich wusste, was das bedeutet. Sie hatte sich zum Sterben zurückgezogen. Ich habe sie in Ruhe gelassen und eben aus dem Aquarium geholt.

Ihre Eier waren alle weg und optisch schaute sie gesund aus, aber vermutlich hatte das Gelege bereits zu Schäden im Körper geführt oder vielleicht hatte sie bereits eine leichte Vergiftung von den unzähligen unbefruchteten Eiern.

Alles reine Spekulationen. Sie ist einen ruhigen Tod gestorben, konnte sich zurückziehen und bei sich selbst sein. Tschüss kleines Fischmädchen. Ich hoffe dir geht es jetzt besser.

 [Update vom 28. Februar]

Vermutlich werdet ihr euch nun wundern, wieso es hier noch ein Update gibt, weil die Dame ja bereits seit zwei Wochen tot ist. Aber heute Morgen fand ich etwas im Aquarium.

Das ungeschulte Auge sieht nichts.

Ein einzelnes Fischbaby, das der verstorbenen Fischdame sehr ähnlich sieht, schwimmt durchs Becken und hat heute schon fleißig Flockenfutter gefressen.

Kreislauf des Lebens. Ich hoffe es kommt durch und wird groß und stark.

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  3. Oh liebe Ricarda. Ich weiss wie es ist, wenn man um jeden noch so kleinen Racker zittert, täglich die gesundheit checkt und fast selber stirbt wenn es dem lieben Tier schlechter geht! Als Mäuse-Halter hab ich viel von solchen Situationen, da Mäuse recht anfällig für viele Dinge sind.

    DAUMEN HOCH, dass du den Mut hattest der Guppyline das Leben zu retten, ich hätte wohl zu viel Angst gehabt sie zu verletzen und wäre irgendwie zum TA gerattert.

    Danke dass du eine so gute Tiermama bist!!!

    • Daran dachte ich zuerst auch, aber hier auf dem Dorf gibts eben nur so einen typischen Bauernhofarzt. Der lachte uns damals schon aus als wir mit ner Schildkröte kamen (die dann starb weil er nichts machte). Mit nem einzelnen Guppy wäre es vermutlich für ihn die Krönung gewesen. Nach dem Motto „Kauf dir nen neuen, der kostet doch nur einsfuffzich“

      • Ich bin SOOO Glücklich, dass unser TA ein echter Mäuseflüsterer ist. Der hats einfach raus mit unseren Mädchen. lassen sich ohne Probleme spritzen,cremen usw… ein Traum!

  4. P.s.: Ich wünsche der Dame natürlich das aller Beste. Sie wird gesund.

  5. Daumen hoch!

  6. Drück dir die Daumen dass sie sich erholt..
    Kenn das nur zu gut. Meinen Garnelen gehts im Moment auch nicht so gut und ich bekomm einfach nicht raus warum. Das bekommt man den ganzen Tag lang nicht ausm Kopf..

  7. Ich finde es genau richtig, was Du getan hast! Wenn man sich für den Kauf eines Tieres entscheidet, dann muss man auch für das Wohlergehen sorgen – egal, ob es Hund, Katze, Maus oder Fische sind!

    LG und *Daumendrück*

  8. Ich drücke euch auch die Daumen – hoffe deine Kleine erholt sich wieder! Die Sache erinnert mich an den kleinen Vogel, den ich mal mitten in der Stadt vor unserer Haustür fand, und die Mini-Spitzmaus, die nackt und völlig allein im Garten lag. Letztere konnten wir bei Fachkundigen unterbringen, ich weiß nur leider nicht, ob sie überlebt hat. Was aus dem Vögelchen geworden ist, kann ich mich seltsamerweise nicht erinnern, ist aber auch schon viele Jahre her.

  9. Ich hasse diesen „Es ist doch nur…“-Spruch. Ich habe auch schon versucht, eine Schabe aufzupäppeln, obwohl ich Dutzende habe.Fange regelmäßig Getier in unserem Laden ein und adoptier sie. Kein Lebewesen ist mehr oder weniger wert. Ich fnds toll dass du dem Fischchen geholfen hast!:)
    Wie gehts denn der werten Fischdame eigentlich?

  10. Wow ich bin sehr beeindruckt! Nicht jeder hätte das gemacht, kenne genug Fischhalter mit den spruch: Die kosten doch nicht viel.
    Ich hätte ähnlich gehandelt. Zwar wäre ich zu unseren TiA, aber den Vertrau ich sehr und ich denke er würde mich nicht auslachen.

    • Tierärzte die mit dem „Die Kosten doch bloß…“ Spruch kommen oder Lachen haben EINDEUTIG ihren Beruf verfehlt.

      • Leider gibt es selten Ärzte deren das Tier über finanzielle Interessen geht. Jeder Tierarzt der zB Trockenfutter für Katzen verkauft tut das aus Profitgedanke, denn es gibt keine Erkrankung bei der Trockenfutter besser wäre, als eine artgerechte Ernährung.

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  13. Du / Ihr arme(n)!
    Meine Hochachtung zum versuchten Rettungseinsatz,
    mein Beileid weil es das Mädel nicht geschafft hat.
    Und Kopf hoch, du hast alles in deiner Macht stehende getan.

  14. Och nö! Armes kleines Guppylinchen, komm gut über die Regenbogenbrücke.

    Schade dass sie es nicht geschafft hat. 🙁

  15. Oh Ricarda – habe den Text mir durchgelesen, hoffe ihm Fischparadies geht es ihr besser.

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  18. Eine ergreifende Geschichte. Ich hätte es genauso gemacht wie du. Auch meine Tiere sind Familienmitglieder.

  19. Hallo, dein Beitrag hier ist zwar schon älter .. aber warum habe ich wohl nach diesem Thema gesucht :(((. Auch eine meiner Hochzuchtguppydamen ist davon betroffen. Vor ca 2 1/2 Monaten fingen meine Damen plötzlich das „Spinnen“ an. Sie scheuerten sich immer heftiger an Blättern und dem Boden. Sogar nach dem Wasserwechsel. Sie fingen an unkontrolliert durchs Becken zu schießen, was nach einer Vergiftung aussah aber alle WW waren völlig in Ordnung. Dann entdeckte ich die Ursache .. ich hatte Blaualgen im Becken (am Bodengrund an der Vorderscheibe zu sehen) und habe beim WW die wohl noch ins Wasser verrührt, so dass die Toxität durch den WW wohl zu anstatt abnahm. Zu der Zeit war meine schönste Guppydame (ein Hochzuchtexemplar mit buschiger roter Schwanzflosse, die bei jedem wurf ca 25 Babys auf die Welt brachte) hochschwanger.
    Am nächsten Tag war es so weit und ich zählte wieder ca 25 Winzlinge im Becken. Den Tag darauf beschloss ich, das Becken zu säubern. Ich setzte alle aus dem Becken in ein Salzbad während ich das Becken ausräumte, säuberte und neu einrichtete. Am nächsten Tag drückte sich meine Dame am Boden rum und ich begann mir Sorgen zu machen. Abends gebar sie ein totes Baby :(. Auch am nächsten und übernächsten Tag saß sie still in der Ecke. Sie war wohl noch nicht fertig mit gebären, als ich sie ins Salzwasser steckte. Aber irgendwie klappte die Geburt nicht mehr. So tat ich das gleiche wie die Threaderstellerin (Hinweis im DRTA Archiv), ich strich ihr sanft über den Bauch.
    Daraufhin gebar sie noch 3 tote Babys. Nach ihr kann ich den Kalender stellen, so pünktlich kam bisher der Nachwuchs. Der nächste blieb jedoch gänzlich aus (sie war aber auch nicht so rund wie sonst). Nun war es wieder so weit, der Bauch war dick und die 30 Tage abgelaufen. Sie verkroch sich in eine Ecke und ich sah, wie sie sich durchbiegte und presste. Aber es tat sich nichts. Ich ließ sie erstmal zwei Tage, dann machte auch ich eine Bauchmassage, leider ohne Erfolg. Ich wiederholte diese am nächsten Tag – wieder ohne Erfolg. Sie schwamm nicht mehr ans Becken wenn ich hintrat, sie fraß fast nichts mehr …
    Nun nach einigen Tagen sitzt sie immer noch in der Ecke wird aber mobiler. Sie kommt wieder sofort an die Scheibe und frisst mit Gier. Ich hoffe so sehr, dass sie überlebt ……

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