Das ganz normale Chaos

bahn

“Auf neun Uhr! Schießen!” Ich schaue nach links und da sitzt Ferdinand

| 9 Kommentare

Eigentlich mag ich keine öffentlichen Verkehrsmittel. Immer dann wenn Menschen auf engem Raum zusammenkommen, gibt es einige, die nicht gesellschaftstauglich genug sind, um alle anderen in Ruhe zu lassen. In Ruhe gelassen werden wollen. Mehr verlangen die meistern gar nicht, die Bus oder Bahn fahren.

bus bus

Als ich am Bahnhof stehe, ist neben mir eine Frau. Ich schätze sie Mitte 30 und sie hat braunes, halblanges Haar und eine Brille. Auf ihrem Arm hält sie ein Neugeborenes, das sie an sich drückt und mit ihm auf und ab geht. Zwei Kinder laufen an ihr vorbei und sie schaut ihnen nach und zurück auf ihr Kind. Vermutlich stellt sie sich gerade vor, wie ihre Tochter – das erkenne ich an der Flut an rosa Kleidungsstücken – in ein paar Jahren ebenfalls herumlaufen kann.

Der Zug fährt ein und eine Masse an Menschen drängt sich an den Bahnsteig. “Lasst die doch erst einmal aussteigen” ruft jemand von hinten und als sei dies die vernünftigste Idee überhaupt, warten die Menschen geduldig, bis circa 25 Leute mit ihrem Gepäck den Zug verlassen.

Ich gehe in die unterste Etage des Zugs und sehe, dass die meisten Plätze besetzt sind. Am Fenster sitzt ein Türke mit kurzen Haaren und einem Vollbart. Wer schon einmal Zug gefahren ist, wird feststellen, dass die Plätze neben ausländisch aussehenden Menschen immer leer bleiben. Unterschwelliger Rassismus ist das vermutlich und in meinem Fall mein Glück. Ich frage ihn, ob der Platz neben ihm noch frei ist und er lächelt und sagt, ich könne mich ruhig setzen.

Natürlich war der Platz noch frei, aber ich bin höflich. Meine Frage meinte eher “Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?”, aber man formuliert es indirekt. Es ist ein Sitz in einem Vierer-Bereich. Dem türkischen Mann gegenüber ist ein freier Platz und so streckt er seine Beine aus und schaut verträumt aus dem Fenster. In den Ohren hat er Kopfhörer und ich ärgere mich, meine Zuhause gelassen zu haben. Mir gegenüber sitzt eine Asiatin. Ich kann ihren Gesichtsausdruck kaum deuten. Sie schaut angespannt und zwischen unseren Sitzen eine Reihe Einkaufstüten. Mir fällt ihre geschmackvolle Kleidung auf. Braun – beiges Outfit, eine hellbraune Tasche und dazu einen Türkisring und gleichfarbige Fingernägel. Ich erinnere mich daran, dass meine Grundschullehrerin damals einen ähnlichen Schmuck trug.

zug

Der Zug fährt los. Zwei Sitzreihen weiter sitzen drei junge türkische Pärchen, die sich angeregt unterhalten und herumblödeln. Sie hatten anscheinend einen schönen Tag und sind auf dem Weg nach Hause. Ich verstehe nicht, was sie sagen, aber ich höre ihnen aufmerksam zu. Manchmal mischen sie deutsche Sätze ins Türkisch und ich habe Anhaltspunkte worüber sie sich unterhalten. Ich beneide eines der Paare um die Vertrautheit, die sie zeigen. Ich dachte immer, so etwas gibt es nur in Filmen, doch beide sind offensichtlich frisch verliebt.

Ich höre ein Schniefen und schaue in die Richtung, aus der dieses Schniefen kommt. Das asiatische Mädchen schaut aus dem Fenster, angestrengt und eine Träne läuft ihre Wange hinunter. Ich fühle mich auf einmal hilflos und überfordert. Ich wühle in meiner Tasche und krame nach einem Taschentuch und gebe es ihr. Sie lächelt verlegen und nickt mir zu, als sie das Taschentuch nimmt. Wir reden nicht. Sie wischt die Tränen weg, hält danach das Taschentuch geknüllt in ihren Händen und schaut weiter raus. Ich versuche sie nicht anzustarren.

Der Zug hält und wir steigen aus. Die Gespräche auf türkisch verstummen und hektisches Aufstehen, Drängeln und aus dem Zug steigen dominiert die Situation.

Ich habe es noch nicht geschafft, ich muss noch Bus fahren.

bahn

An der Haltestelle stehen zwei untersetzte Jungs, deren Alter ich schlecht schätzen kann. Sie haben unreine Haut, Basecaps und tragen Baggypants, wie man sie seit den 90ern nicht mehr trägt. Sie reden über Geld und wie man am besten welches bekommt. “Du musst eine Bank eröffnen” sagt der eine. “Dann bekommst du Unmengen an Geld nur dafür, dass du es von dem einen an den anderen gibst”. Der zweite nickt, aber ich merke, dass er keine Ahnung hat, was sein Freund dort redet. “Weißt du eigentlich wie Geld entsteht?” fragt der Erste und der zweite zögert. “Sie drucken es?” fragt er unsicher. “Ja, das ist das Papier, aber das allein hat ja keinen Wert. Das steht ja nur symbolisch für einen Wert. Geld entsteht aus Schulden. Alles Geld, das du hast, sind die Schulden anderer. Wir leben alle auf Pump und bald wird sich das rächen”. Der Zweite schaut ungläubig. “Also ich hab keine Schulden”, antwortet er nach einer Denkpause.” “Du musst größer denken. Deutschland hat Schulden, Europa, die Welt. Es gibt mehr Schulden als wir Geld haben. Würden die Menschen unser Geld- und Wirtschaftssystem verstehen, dann gäbe es morgen eine Revolution.” Ich habe die Bilder von Frankfurt im Kopf, bei denen Banken durch Stacheldrahtzäune geschützt werden, weil Bürger auf die Straße gehen.

Der Bus kommt und ich sehe, er ist voll, sehr voll. Ich bezahle mein Ticket und stelle mich irgendwo mittig in den Gang und halte mich an der Busstange fest. Ich schaue auf einen älteren Mann, den ich für weitaus älter als 80 schätze. Links von mir sitzt eine Gruppe tuschelnder Mädchen, die um die 16 sein müssen. Eine ältere Frau kommt in den Bus und pampt einen Mitfahrer unschön an, weil sie seinen Platz möchte. Sie wedelt ihm ihren Behindertenausweis unter der Nase her und motzt “Den bekommt man ja wohl nicht umsonst”. Er antwortet “Sowas kann man sicher auch kaufen.” Ich sehe auf ihrem Schein, dass dort kein Vermerk ist, dass sie einen besonderen Anspruch auf einen Platz hätte. Sie hat ebenfalls keine Befreiung für den Bus, sondern zahlte das Ticket selbst. Er steht trotzdem auf und motzend setzt sich die Frau auf den freigewordenen Sitz.

Als der Bus losfährt, schaue ich mir den älteren Mann an. Er hat unglaublich große Ohren und seine Mimik zeigt eine ständig wechselnde Gefühlslage. Er flüstert “nicht schießen, nicht schießen” und schaut dabei aus dem Fenster. “Lass mich nicht liegen” folgt darauf. In seinem Kopf findet gerade ein ganz eigener Film statt. Vielleicht denkt er gerade, er sei ihm Krieg. Vielleicht switcht er durch seine Erinnerungen.

Vor ihm sitzt ein Mann, Ende dreißig und in seiner Arbeitskleidung. Er arbeitet für ein Sicherheitsunternehmen und hält in der Hand einen Strauß Rosen, von denen eine bereits abgeknickt ist. Ich lächle und stelle mir vor, ich sei die Empfängerin dieser Blumen. Ich würde mich freuen. Dieser Strauß ist alles andere als perfekt, aber das Symbol dahinter ist wundervoll. Ich starre auf seinen Ausweis, der an einem Schlüsselanhänger an seinem Gürtel hängt. “Ferdinand”. Seltener und witziger Name.

bus

Haltestelle – der Bus leert sich und neben Ferdinand wird ein Platz frei. Ich setze mich, denn neben ihm möchte niemand sitzen.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, dem ich subjektiv ein gutes Aussehen nachsagen würde. Er sitzt da und lächelt, er wirkt sympatisch. Auf einmal fängt er an du murmeln und lacht und redet dabei weiter. Okay gruselig. Eine Viertelstunde versuche ich seinen Blicken auszuweichen. “Auf neun Uhr, auf neun Uhr. Schießen” flüstert der alte Mann hinter mir aufgeregt. Dabei hält er sich sein Schlüsselbund vor das Gesicht, als sei es ein Funkgerät. Ich schaue nach links und da sitzt Ferdinand.

Meine Haltestelle kommt. Ich stehe auf, schenke Ferdinand noch einen letzten Blick und verlasse den Bus. Das Murmeln und die gedämpfte Musik aus den zahlreichen Kopfhörern verstummt. Noch fünf Minuten und ich bin zuhause.

Crossposting aus der Schreibwerkstatt

Das könnte dich auch interessieren:

  1. Fernsehen macht mich nur noch aggressiv
  2. Wiegeupdate für Kalenderwoche 17/2009
  3. Probleme mit der Sparkasse
  4. 4 Wochen voller Chaos

9 Kommentare

  1. Eine schöne Geschichte. Hat mir gefallen diesen Beitrag zu lesen.

  2. Eigentlich mag ich öffentlichen Verkehrsmittel, verreise am liebsten mit der Bahn, auch eine 9 h Fahrt nach Wien ist für mich keine Qual. Man lernt, ob man will oder nicht, das Leben in seiner ganzen Pracht, ob häßlich, ob schön (ob man will oder nicht) kennen. Bei meiner letzten Busfahrt schüttete ein Vollhonk, warum auch immer, dem Fahrer unvermittelt durch das offene Fenster den Inhalt einer Getränkedose ins Gesicht. Der Fahrer beendete die Fahrt, rief die Polizei. *seufz* Also zu Fuß zum Bahnhof. Zug noch erreicht. Was will man mehr.
    Schöner Artikel übrigens.

  3. Das ist die art von post, die mich immer wieder dazu motiviert mich in den park zu setzen und zu schreiben.

    Hat mir sehr gut gefallen. Wunderbar zu lesen. Als ob man dabei ist.

    VIelen dank.

  4. “Sowas kann man sicher auch kaufen.” xD

  5. Oh man, Ricarda, du hast mich gerade total geflasht. Ich sitze grad in einem Wartezimmer, hatte aber das Gefühl mit dir unterwegs zu sein. Ich blickte mit dir zu den unterschiedlichen Personen und erlebte alles mit.
    Ganz, ganz großartig geschrieben!

  6. Aber genau wegen solcher Menschen ist das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln doch so toll!? :D Ich mach das gerne.
    Eine Frage… Du sagst der Mann neben den du dich im Zug setztes sei Türke gewesen. Woher weißt du das? Ich meine bei den Paaren macht es Sinn, die hast du ja sprechen gehört. Aber er könnte doch auch eine ganz andere Nationalität gehabt haben? Iraner zum Beispiel. Ich habe einen Arbeitskollegen, der Iraner ist und die Menschen denken immer er sei Türke. Bei Asiaten (ich weiß Iraner sind auch Asiaten, aber ich meine andere Asiaten) sind menschen oft vorsichtiger. Da haben sie keine Ahnung ob’s nun ein Chinese, Japaner oder Thailänder ist und sagen einfach “Asiat” (Im besten Fall. Im schlimmsten sagen sie einfach Chinese). Das ungeschulte, europäische Auge sieht da keinen Unterschied. Wenn ich mir nicht sicher bin ob mein Gegenüber Türke ist, sag ich einfach immer “Südländer” :D Ich bin da zu unsicher.

  7. Ein nachdenklich stimmender und gleichzeitig sehr schöner Text.. ich mag auch keine öffentlichen Verkehrsmittel, aber man hat ab und an neben den negativen auch ausgesprochen erheiternde Erlebnisse.. Manchmal auch, weil Menschen sich dort anscheinend hin und wieder nicht wie “in der Öffentlichkeit” fühlen und in Gesprächen am Telefon oder mit Freunden/Bekannten die intimsten Dinge ausplaudern..

    Erinnert mich an ein paar Texte von vor ein paar Jahren, als ich sehr früh Zug gefahren bin und da die komischsten Gespräche belauschen konnte.. Einmal hat sich eine Gruppe älterer Damen vor einem jungen Bundeswehrsoldaten dabei überboten, ihm die besten Spiegeleierrezepte zu verraten, weil er ihnen erzählt hatte, er hätte vor der Bundeswehr eine Ausbildung zum Koch gemacht.. Das ging bestimmt eine Stunde so ;)
    Ich glaube, ich nehme diesen Eintrag von dir, sofern du damit einverstanden bist, als Inspiration für einen Verkehrsmittelabriss meiner kleinen wöchentlichen Reisen..

  8. Pingback: 10 Fragen, 10 Antworten, 10 Blogger Stöckchen von Nina | Das ganz normale Chaos

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.