Das ganz normale Chaos

„Anders sein“ als höchstes Ziel – Wenn Individualität Mainstream wird

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Eine ganze Generation wehrt sich gegen den Mainstream – gegen das Spießertum – gegen die Gleichheit. Dabei bemerkt sie gar nicht, dass die zwanghafte Individualität auf einmal zum Mainstream wurde. Auf einmal hebt man sich von der Masse ab, indem man nicht auffällt und nicht darauf hinweist, wie individuell man ist.

Wenn man mich fragen würde, was das Schlimmste für mich wäre, dann würde ich nicht antworten „Einsamkeit“ oder „der Tod“ denn davor habe ich keine Angst. Das Schlimmste wäre für mich, irgendwann weg zu sein und vergessen zu werden. Als habe man nie auf dieser Welt existiert. Es ist zwar utopisch zu denken, dass die Welt an dem Tag stillsteht, wenn man sie verlässt, aber man will nicht gegangen sein, ohne Spuren hinterlassen zu haben.

Jemand sein zu wollen. Dieser Wunsch begleitet ganze Generationen – mal mehr und mal weniger und im Moment macht es den Eindruck, als sei eine „mal mehr“ Phase angebrochen. Junge Menschen driften auseinander, wie sie es schon lang nicht mehr getan haben. Lebensstile werden immer extremer und wenn man in einem Stadium der Akzeptanz angekommen ist, versucht man noch extremer zu sein, spezieller zu sein. Man will, dass sich die Leute an einen erinnern. Es ist fast wie ein Wettkampf. Ein Wettkampf darum, wer besonders ist. Wer sich profilieren kann.

Ich bin spießig

Ich habe mich entschlossen, diesen Wettkampf nicht mitzumachen. Ich will gar nicht extrem speziell sein. Ich will mich nicht mit anderen Leuten messen müssen. Nicht in meinem Lebensstil und auch nicht in meiner Lebenseinstellung. Nun könnte man sagen, dass es doch egal ist, wie jemand lebt, hauptsache er ist glücklich. Im Prinzip finde ich das okay, aber wenn man anderen anfängt vorzuwerfen nicht die gleichen Maßstäbe an das eigene Leben anzulegen, wie man es selbst tut, rutscht man in die gleiche Spießigkeit, die man bei seinen Eltern oder Großeltern verfluchte, als sie sagten, man solle sich doch die Haar abschneiden und mal was nettes anziehen.

Nach dieser ganz unkonkreten Verallgemeinerung möchte ich konkreter werden – wieso schreibe ich das hier? Es gab natürlich einen Anlass und der führte zu großen Diskussionen innerhalb meiner Kontakte. Man konnte hier gut sehen, dass sehr verschiedene Menschen mit verschiedenen Lebensmodellen aufeinanderprallten.

Als Start in meinen Tag postete ich einmal ein Frühstücksbild auf mein Google Plus Profil. Für mich ist es fast schon zu einem Ritual geworden, einmal im Monat zum Frühstücken auszugehen und mir diesen kleinen Luxus zu gönnen. Sonst frühstücke ich nur einen Kaffee, weil ich früh anfange zu arbeiten und meist erst Abends zu einer warmen Mahlzeit komme. Damit ich nicht absolut die Bodenhaftung verliere, ist dieses Frühstück – also diese 1-2 Stunden im Monat meine Ich-Zeit.

frühstück

Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Bild zu einem der schlimmsten Hasskommentare führen würde, den ich bekommen könnte. Ich bin Hasskommentare gewöhnt. Ich bin schon auf Hasslisten gelandet, aber irgendwie fragt man sich doch ab und an einfach, wieso Menschen so sind.

Screenshot from 2014-03-22 16-15-30

Martin hat sich an meinem Bild gestört, da er vermutlich (ich entnehme es mal seinen Worten) vegan lebt. Ich habe kein Problem mit dem veganen Leben, ich kenne viele sehr liebe Veganer. Aber das vegane Leben wäre nichts für mich. Ich habe es einmal kurz probiert, ich mag einige Dinge, aber habe auch schnell festgestellt, dass ich mit meiner Soja-Unverträglichkeit ein wirklich sehr schlechter Veganer wäre. Ich esse nicht sehr viel Fleisch oder tierische Produkte, aber wenn ich sie denn selten esse, lasse ich sie mir auch nicht von einem schlechten Gewissen mies machen. Leute reden viel zu viel in das Essverhalten anderer rein (vor allem dann wenn sie übergewichtig sind, oder abnehmen), dass ich mir ein dickes Fell habe wachsen lassen.

Martin hat dies unter mein Foto gepostet. Dummerweise habe ich auf Google Plus mittlerweile über 10.000 Follower, sodass sein Kommentar so schnell gemeldet wurde, dass sein Google Konto keine 15 Minuten später gesperrt war. Mit solchen Kommentaren schafft man das ziemlich schnell.

Mich bringt dies zu dem Gedanken, dass der Wunsch nach Individualität bei einigen Menschen zu einem extremen Auswuchs führt. So extrem, dass sie allen Hass entgegenbringen, die nicht ihre eigenen moralischen Werte teilen. Man kann über Werte reden, gern auch streiten, aber man kann niemanden zwingen, die eigenen Wertvorstellungen anzunehmen. Bei diesem extremen, moralischen Wettlauf versucht jeder besser als der andere zu sein. Gerade in der veganen Szene ist dies gut zu beobachten. Es gibt Leute, die prangern alle an, die nicht so vegan wie sie sind. Sie wollen immer noch einen draufsetzen. Sie leben damit in einer kleinen Welt in der ihre Werte die Untergrenze des von ihnen Akzeptierten sind.

Manche Trollen, manche können sich aber auch einfach nicht ausdrücken

Es gibt dann die Leute, die einen solch hohen Bildungsgrad haben, dass sie Bücher, Dissertationen und Artikel schreiben. Dann gibt es aber auch Leute wie Martin, die eine Emotion und eine Idee in sich tragen, aber nicht in der Lage sind, diese irgendwie geordnet zum Ausdruck zu bringen. Sie schreiben dann einfach drauflos wie es ihnen in den Kopf kommt. Das ist das Ergebnis. Und damit schaden sie sich, der Sache und den Menschen die sie angreifen.

Mir ist klar – das Internet besteht aus Trollen. Aber auch Trolle sind Menschen mit Ideen un Zielen. Manchmal sind es auch gar keine Trolle, sondern nur Menschen, die sich nicht ausdrücken können. Die im moralischen Wettlauf um das beste Leben untergehen, weil sie dem Druck nicht standhalten können. Vielleicht brauchte er das Machtgefühl, sich über einen anderen Menschen zu stellen, um sich selbst besser zu fühlen.

Ich will diesen Wettlauf aber nicht mitmachen. Ich will nicht bei jeder Entscheidung ein schlechtes Gewissen haben müssen, nicht gut genug zu sein. Ich will mich nicht bei jeder Entscheidung fragen müssen, welchen Schaden ich damit anrichte. Ich will keine emotionale Selbstgeißelung, besonders zu sein. Besonders moralisch zu sein. Ich will einfach nur ich sein und mich dabei mit keinem messen.

Vielleicht sollten wir aufhören, danach zu streben extrem zu sein. Den je mehr Leute genau diesen Wunsch haben, desto weniger extrem ist es. Wenn das Extreme zur Norm wird, gewinnt niemand. Vielleicht sollten wir manchmal langweilig und spießig sein, aber dafür im Leben einmal 1-2 ruhige Minuten erleben können. Ich hoffe Martin findet seinen Frieden mit sich.

8 Kommentare

  1. Hallo Ricarda

    Der Kommentar von Herrn Schaefer ist natürlich schon sehr beleidigend. Aber da stehst Du doch hoffentlich drüber. Mir ist es gleich, was andere sagen. Ich mache das, was ich in meinem Leben für das Richtige halte, ich esse das was ich gerne Essen möchte und wonach ich gerade Appetit habe. Ich würde mir auch niemals erlauben, andere Menschen zu kritisieren, nur weil diese eine andere Lebensweise oder einen Lebensstandard führen als ich. Warum sollte ich auch. Jeder sollte das mit seinem Leben machen, was er für richtig hält. Und was Dein Frühstück angeht. Einmal im Monat ist viel;) Ich gehe gar nicht frühstücken, jednfalls kann ich mich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal gewesen ist, ausserhalb meiner Wohnung;)

  2. Hallo,
    schön geschrieben, sehr souverän wie Du damit umgehend kannst. Respekt.
    Besonders gut finde ich wie Du die ganzen anfeindenden Personen auch verstehen kannst und es damit erklären kannst das sie sich nicht ausdrücken können.
    Sehr schlüssig und teilweise sicherlich zutreffend.

  3. Das scheint mir eher so was wie ein Schreib-Tourette Syndrom zu sein
    oder ein Rapper, der 100 frauenfeindliche Wörter in einer Minute sagen kann?..^^
    Selbst wenn man dem Kollegen unterstellt ein „militanter“ Veganer zu sein (was eigentlich schon ein Widerspruch ist) würde die Klientel nicht Worte wie ‚Bienenkotze‘ benutzen. Dies widerspräche eigentlich der Grundidee der Achtung vor Tieren und tierischen Lebens.
    Ich glaube der Typ hat ein paar mehr Probleme als nur den Fleisch-Neid.
    Generell beobachte ich die Entwicklung der Trolle in den sozialen Netzwerken mit Sorge. Das Verhältnis von mit Intelligenz ausgestatteten Kommentatoren zu strunzdummen, pöbelnden Trollen verschiebt sich immer mehr. Die „Normalos“ verlassen dann in der Regel kampflos das gebiet – gegen Dummheit hilft leider nicht viel. Das ist aber genau das, was die Trolle wollen.
    Ich hatte da letztens was zu geschrieben, was mir in einer Diskussion widerfahren ist: http://wp.me/p31PTR-2sa

  4. Huhu, Du hast völlig recht- aus seinem Leben und seinen Zielen einen Wettlauf zu veranstalten ist ganz bestimmt keine gute Sache, denn dann kommt man vermutlich nie an dem Punkt an, mit sich und seiner Welt zufrieden zu sein. Und auf Teufel komm raus extrem zu sein, sollte auch nicht der Lebensinhalt sein, denn dann steckt ja nicht wirklich was hinter der einzelnen Sache dahinter, denke ich.
    Wenn man aus diesen beiden Gründen vegan lebt oder zumindest vegan ißt, ist das bestimmt anstrengend und ein ständiger Kampf mit sich und seiner Umwelt, weil der Gedanke dahinter, die Überzeugung und der Sinn des Ganzen fehlt, bzw. verschoben wird.
    Ich lebe seit Jahren vegan, meine Familie zum größten Teil auch. Für mich war das eine bewußte Entscheidung, nach einem Prozeß des Hinsehens und Hinterfragens, woraus sich eine klare Überzeugung geformt hat und ein Verantwortungsbewußtsein. Und so sollte es sein, denke ich – auf viele Lebensentscheidungen bezogen – daß davor ein Weg ist, der bewußt wahrgenommen werden sollte. Dann hat auch eine vielleicht nach außen hin extrem erscheinende Lebensweise (was ich jetzt auf den Veganismus bezogen nicht so sehe 😉 ) nichts mit Selbstgeißelung, Selbstdarstellung oder irgendeiner Befriedigung zu tun, sondern mit Konsequenz und echter Überzeugung.
    Für mich kann ich sagen, daß das vegane Leben völlig normal ist, auch nach außen hin. Es ist nicht anstrengend oder extrem, hat nichts mit Verzicht oder permanentem Hinterfragen zu tun, sondern ist eine große Bereicherung und es macht Spaß und vor allem fühlt es sich gut an, etwas Gutes zu tun und bewußte Entscheidungen zu treffen, wie etwa sich bewußt an einigen Prozessen unseres Systems nicht zu beteiligen, von denen offensichtlich ist, daß sie großen Schaden anrichten.
    So ähnlich wird es wohl mit anderen dauerhaften Lebensweisen auch sein, die man für sich gefunden hat.
    Daß es dann schonmal zu Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen kommt, das ist ja klar und in normalem Rahmen sicher auch gut und mitunter sogar konstruktiv ;), aber auch schwierig. Man darf halt wirklich nie vergessen, daß andere Menschen andere Wertvorstellungen haben oder für Gedankengänge und deren Konsequenzen nicht bereit sind oder sein wollen/können.
    Generell halte ich es aber für erstrebenswert, daß Mensch durchaus mal ab und an sein Handeln und seinen Konsum hinterfragt und in seinem Einfluß auf andere reflektiert, dafür muß man nicht vegan oder extrem sein oder es werden, sondern einfach nur verantwortungsbewußt und respektvoll und menschlich.
    Es ist einfach schade, daß die Anonymität im Netz und wie viele damit umgehen immer wieder zu solchen Fällen wie Deinem führt. Ob Martin Schaefer wohl auch einem direkten Gegenüber soetwas an den Latz knallen würde?

  5. Hallo.

    Leider hast du in diesem zwei Themen vermischt, deswegen fällt es mir schwer zu kommentieren. Das hintere Part, mit den Trollen und so, geschenkt, das weißt du sicher auch selber.

    Viel interessanter finde ich den Anfang deines Artikels. Also die Überschrift und das fettgedruckte. Sei mir nicht bös, aber was du dort formulierst, ist absoluter Käse. Logisch wie kulturwissenschaftlich. Du kannst nicht aus einer Laune heraus entscheiden, dass sich alle zwei Jahre das ‚Gegen den Mainstream‘ zum neuen Mainstream wird und man jetzt wieder dagegen sein muss. Absoluter Quatsch. Dieser Kulturpessimissmus (heißt tatsächlich so) klingt zwar kurz einleuchtend, wenn du ihn so formulierst, ist aber viel größer und übersteigt definitiv deine Kompetenzen. Auch bei 10000 G+-Followern, einen Kulturwandel (auch im Kleinen) funktioniert so nicht. Und, wie gesagt, die Logik hinter deiner Aussage passt auch nicht 😉

    Der Rest des Artikels ist super. Ein typische TiiaAurora, vielleicht so langsam etwas eintönig (früher warst du sehr viel flexibler und, keine Ahnung, fröhlicher), aber solide.

    Grüße, Alex

  6. Ich frag mich ja immer wieder, wo man solche Leute trifft o.O!
    Kann dir im großen und ganzen nur zustimmen. Ich finde mittlerweile gefallen an sonntäglichem Tee und Kuchen und einem Kartenspiel mit meinem Mann. Aber eben um, genau wie du sagst zwischendurch ein wenig Ruhe in seinem Leben und Alltag zu finden.
    Vor ein paar Jahren noch, war ich selber noch sehr rastlos auf der Suche nach einem Weg mich zu finden und darzustellen. Die Suche ist noch nicht vorbei, aber ein wenig ruhiger wird es und das finde ich gut so.

  7. Ganz ehrlich, ich versteh die ganze Diskussion nicht so richtig. Ich lebe mein Leben, da ist mir doch egal, wer sonst noch ein gleiches, ähnliches Leben lebt, Hauptsache, es ist ein schönes Leben. Die von mir verehrte Katrin Bauerfeind hat in ihrem (Hör)Bch ein komplettes Kapitel dem Individualismus gewidmet. Und das deutlich lustiger. Allein die Vorstellung, dass Sascha Lobo in der Bemühung um Individualität mit Querhaarstreifen auftritt, hat mich schallend lachen lassen.

    Mach, was Du willst, iss Fleisch in rauhen Mengen und versuche nicht, den moralischen Vorstellungen zu genügen, die Dir eigentlich nicht wichtig sind oder denen Du aus (Schweinehund) Gründen nicht folgen kannst.

    Das ist das, was im (politisch missbrauchten) Begriff liberal steckt. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Jeder entscheidet für sich selbst, was richtig und falsch ist. Kein Facebook-Freund kann über mich bestimmen, mir nur Hinweise liefern. Und wenn ich falsch liege, dann lerne ich.

    Das klingt altmodisch, aber ich habe gerade im realen Leben zu viel zu tun, um heraus zu finden, was Twitter mir sagen will.

    Grüße

    Alex

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