Das ganz normale Chaos

Ambivalente Gefühle

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Ein Mädchen sitzt in der sechsten Klasse an ihrem Tisch. Sie ist etwas schüchtern, etwas ängstlich und hofft, dass sie diese Stunde irgendwie übersteht. Vor ihr steht ein Lehrer, den sie schon immer als etwas furchteinflößend empfand. Er war laut und hatte ein loses Mundwerk. Oft sagte er Dinge, ohne darüber nachzudenken. Und wenn er falsch lag, dann entschuldigte er sich nicht. Er wurde bockig und gab anderen die Schuld. Meist dem, der ihn auf seinen Fehler aufmerksam machte.

Ein Mathelehrer. Mathe, das sowieso schon schwierige Fach. Das Angstfach des Mädchens in der zweiten Reihe der Klasse. Das Mädchen wusste, wenn es heute Nachmittag nach Hause kommt, muss sie die Schulangst gegen die Probleme der Familie tauschen. Die Geschäftsaufgabe des Vaters, der drohende Fall in die Sozialhilfe. Ein Umzug vom gemütlichen Haus in eine Wohnung. Eine kleine Wohnung irgendwo in einem Sozialviertel. Das Mädchen war mit den Gedanken oft bei dieser Situation, wenn sie es eigentlich nicht hätte sein sollen. Wenn sie sich auf Mathe konzentrieren sollte.

Es klingelte, obwohl die Uhr an der Wand anzeigte, dass es noch 5 Minuten seien. Vermutlich gingen die Batterien langsam zu neige. Die Uhr hatte das Mädchen der Klasse gespendet, weil jeder etwas zum Klassenraum beitragen sollte. Es war ein Werbegeschenk der Firma des Vaters des Mädchens. So zierte die Uhr auch der Schriftzug der Firma. Verblüfft schaute der Lehrer zur Uhr und sagte „Ich dachte wir hätten noch fünf Minuten“ und schaute danach auf seine Armbanduhr, die offensichtlich die richtige Zeit anzeigte.

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Und alle lachten

Er schaute auf den Schriftzug der Uhr und schaute dann ins Gesicht des zwölfjährigen Mädchens. „Wie wäre es wenn du die Schrottuhr ins Pfandhaus bringst, wo auch eure anderen Sachen schon liegen?“ Zwei Sekunden der Stille. Dann brach die komplette Klasse in lautes Gelächter aus. Das Mädchen saß dort mit einem Kloß im Hals und musste ihre ganze Kraft dazu aufwenden, nicht zu weinen. Sie wollte sich nicht die Blöße geben, vor ihm und der Klasse zu weinen. „Ihr könnt jetzt gehen.“ sagte er und die Klasse stürmte aus dem Raum hinaus.

Das Mädchen packte langsam ihre Hefte in die Tasche. Zwischendrin immer tief atmend, um die Tränen zurückzuschieben. Der Lehrer stand schon an der Tür und sagte nur „Ich will nicht ewig auf dich warten. Beeil dich gefälligst.“ Sie stopfte den Rest in ihre Tasche und die Hefte aus dem Unterricht verknickten dabei. Das war ihr aber egal, denn sie wollte einfach nur weg.

Eigentlich hätte sie noch eine Doppelstunde Unterricht gehabt. Stattdessen ging sie. Sie ging nicht nach Hause, sondern in den angrenzenden Park und setzte sich dort in eine etwas abgeschiedene Ecke. Die Zeit, die sie nun eigentlich im Religionsunterricht hätte verbringen müssen, weinte sie. Sie saß allein im Park und weinte für fast 1 1/2 Stunden, weil sie so verletzt war. Weil sie während ihrer Angststunde mit der harten Realität ihres Lebens konfrontiert wurde. Und sie weinte, weil sich der Lehrer mit der gesamten Klasse gegen sie gestellt hatte, um sich über sie lustig zu machen.

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Sensibles Prinzesschen

Eine spätere Beschwerde beim Lehrer selbst führte dazu, dass er das Thema noch einmal vor der Klasse aufbrachte. Er nannte das Mädchen ein sensibles Prinzesschen, dass es nicht erträgt, wenn man mal Witze machte, das keinen Humor habe und sich nicht so anstellen solle. Im gleichen Halbjahr schrieb das Mädchen nur noch schlechte Arbeiten. Am Ende des Halbjahres prangte eine großes „ungenügend“ auf dem Zeugnis.

Fast 18 Jahre später sitzt eine junge Frau über der Webseite des Mathelehrers. Ihr Hass auf den Lehrer ist in den vielen Jahren nicht verschwunden. Seine Beleidigungen haben sie so tief verletzt, dass sie ihm eine Mitschuld daran gibt, wie ihr Vertrauen zu Lehrkräften gelitten hat. Sie musste wegen des Vorfalls zweimal die Schule wechseln. Sie schaffte es so gerade durch die Realschule.

Er ist nun Maler. Er malt Bilder der Stadt, in der sie lebt. Und… sie findet diese Bilder gut. Sie gefallen ihr alle. Wenn sie nicht wüsste, dass er hinter diesen Bildern steckt, würde sie sie vermutlich lieben. Aber so bleiben ambivalente Gefühle, die sie nicht einordnen kann. Hat er sich vielleicht geändert? War er damals vielleicht selbst in einer schweren Phase? Können schlechte Menschen vielleicht auch einfach schöne Dinge schaffen? Sie weiß es nicht. Vielleicht ist es aber auch nicht mehr wichtig. Vielleicht muss man mit vielen Dingen aus der Vergangenheit irgendwann abschließen. Vielleicht.

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8 Kommentare

  1. Ein schöner, aber auch trauriger Text. In einem fernen Paralleluniversum entschuldigen sich die damaligen Täter bei ihren Opfern und bitten um Vergebung. So geht es mir mit meiner Mobbingvergangenheit auch. Jedes Jahr bekomme ich die Mails von den Klassentreffen, aber auch nach über 10 Jahren bleibe ich nachtragend, da es das Leben entscheidend negativ mitgeprägt hat, ein Misstrauen, die ewige Angst, die Ohnmacht. Das vergisst man nie.
    Wenn ein Lehrer mobbt, stelle ich mir das noch schlimmer vor. Denn eigentlich ist der Lehrer die Respektsperson, die Authorität, zu der andere aufblicken sollten.

  2. es gibt intelligente, weniger intelligente, dumme, saudumme Menschen und Vollpfosten. Die Einordnung muss jeder selber machen. Aber nach dieser Erkenntnis kann man Stärke für seine eigene innere Sicherheit finden. So ordne diesen Lehrer einschliesslich deiner Schulbegleiter ein und finde den Frieden und die Stärke diese Situation besser zu beurteilen und sie einfach schwächer werden zu lassen in deiner Erinnerung.

  3. Wenn es um Vergangenheitsbewältigung geht, fällt sehr häufig das Wort Vergebung. Ich bewundere Menschen, die den Menschen vergeben können, die sie verletzt haben.

  4. Dazu fällt mir ein Zitat ein:

    “Existence is.. well.. what does it matter? I exist on the best terms I can. The past is now part of my future. The present is well out of hand.”
    -Ian Curtis-

    Mir persönlich hilft bei Gedanken an die Vergangenheit in der Gegenwart eine Art Anerkennung der Vergangenheit, weder Vergebung, ein Abschluss dessen oder Gefühle wie Mitleid,Hass und dergleichen, was vergangen ist kann man nicht ändern und auch wenn das Vergangene die Zukunft bestimmt, beziehungsweise wenn man das realisiert, ist es wichtig klare Gedanken für die Zukunft fassen zu können, nur das ist entscheidend!

    Im Falle des Mädchens finde ich: wichtig ist nur, dass Ihr die Bilder gefallen bzw. das Schöne was Sie darin sieht!

  5. Und da sitz ich im Zug, lese das und mir kommen die Tränen…

  6. Sehr traurige Geschichte.

    Vergebung ist nicht für die Täter sondern für die Opfer. Ist sehr schwierig aber deine letzten Worte zu dieser Person scheinen in diese Richtung zu tendieren.

    Ich kann gut verstehen, warum du die Bilder nicht richtig genießen kannst, er hat sie gemalt und somit ist auch ein Teil von ihm da drin. Die Frage ist, wie kann ein so innerlich häßlicher Mensch, das Schöne sehen. Tunnelblick? Oder hat er sich in den Jahren verändert und ist innerlich nicht mehr häßlich?

    Wenn es dir wichtig ist, damit abzuschließen und dabei Hilfe brauchst, könntest du zu einer Austellung von ihm gehen und ihm begegnen. Er wird dich vermutlich nicht wiedererkennen und somit bleibst du anonym. Du könntest ihn sogar ansprechen und dabei anonym bleiben oder wenn du dich stark genug fühlst, könntest du ihn auf diese Situation ansprechen. Vielleicht macht er sich wieder lustig aber jetzt hat er eine starke Frau gegenüber, die ihm erklären kann, was so ein Verhalten anrichtet und das er vielleicht eigenes fehlendes Selbstbewusstsein damit stärkt, indem er Schwächere nieder macht. Oder er entschuldigt sich direkt oder indirekt bei dir. Beides könnte vielleicht helfen.

    • Darüber habe ich sogar wirklich nachgedacht. Aber derzeit ist keine Ausstellung. Ich vermute, dass er mich weder erkennt noch dass er sich an die Situation selbst erinnert, weil er in seiner kompletten Schullaufbahn mehrere dieser Fälle hatte. Aber vermutlich würde das „ihn sehen“ diesen „großen bösen Mann“ in meiner Erinnerung zerstören und das wäre zumindest etwas Gutes.

  7. Auch schlechte Erfahrungen gehören zu den wichtigen Dingen im Leben. Weiß man als kleines Mädchen natürlich noch nicht. Aber heute solltest Du damit abschließen. Ist besser so.

    Ich wünsche Dir ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest, liebes Chaos-Mädchen. Und komm gut ins neue Jahr.

    Grüßchen
    Elli

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