Das ganz normale Chaos

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40 Lebensjahre – 15 Euro bitte

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Was sind Erinnerungen wert? Was sind Menschenleben wert? Ich habe an diesem Wochenende herausgefunden, dass 40 Lebensjahre einen Gegenwert von etwa 15 Euro haben. Vermutlich kann man sogar handeln.

Wer nach Berlin kommt und auf alten Krempel steht, der geht zum großen Flohmarkt am Mauerpark. Mit einer beinahe schon einträglichen Hippie-Atmosphäre, kann man dort alles kaufen. Schmuck aus Besteck, Spielzeug aus Müll, alte Kameras und Fotos. In Umzugkartons werden alte Familienbilder – vermutlich aus ungeliebten Nachlässen – angeboten und verkauft. Im ersten Moment war ich entsetzt, da für mich ein gedrucktes Foto einen hohen Wert hat. Dort standen Kisten voller Erinnerungen, Kisten voller Geschichten, Kisten voller Familien. Manche Fotos waren lieblos aus den Fotoalben gerupft worden. Aber es gab auch komplette Alben, die von ihren Besitzern in sorgfältig gepflegt wurden.

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Mutter und Schwiegermutter

Ein Fotoalbum begann im Jahr 1918 und endete im Jahr 1959. Über viele Seiten lernt man die Familie kennen. Sieht die Mutter mit ihren Katzen auf dem Hof posieren, den Vater mit seiner Kaninchenzucht beschäftigt und dann sieht man „Klein-Lothar“ und „Klein-Susanne“ wie sie geboren wurden, aufwuchsen, zur Schule gingen und Ihre Gesellenstücke vorzeigten. Das Fotoalbum hat zwei Weltkriege überstanden und auch der zweite Weltkrieg wurde dokumentiert. Besetze Zone, verstorbene Freunde, die im Krieg ums Leben kamen.

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Dann die Nachkriegszeit – die gute Zeit. Urlaube in den Westen. Handgezeichnete Karten vom Fahrrad-Urlaub an den Rhein, ins Ruhrgebiet und ins Sauerland. Das Album endet 1959 mit dem letzten Urlaub. Gegen Ende sind es fast nur noch Postkarten, die man zu sehen bekommt. Die Familienbilder sind rar geworden. Einige Bilder von Freunden trugen Vermerke „Leben jetzt in Kanada.“

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„Was wollen Sie für dieses Album haben?“ und lieblos blätterte der Verkäufer durch die Seiten, schnaubte augenrollend beim Blick auf die zahlreichen Postkarten. „15 Euro und es ist deins.“ Für uns sind diese Erinnerungen – selbst wenn es eigentlich fremder Leute Erinnerungen sind – nur eins: unbezahlbar.

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8 Kommentare

  1. Da meine Familie mittlerweile sehr auseinandergerissen ist, wünsche ich mir manchmal, das Fotoalbum meiner Familie wäre noch vorhanden. Oder würde sich wieder zusammenfügen. Ich kann gedruckten Fotos auch mehr abgewinnen, als den „nur“ digitalen. Bevor ich es vergesse -> Wir beide, auf einem kinky Hochzeitsfoto!

  2. Das kann nachdenklich machen… Was mich aber noch nachdenklicher macht: Warum soll ein gedrucktes Foto mehr wert sein, als ein digitales? Die Arbeit dahinter ist doch letzlich die gleiche? Der Erinnerungswert auch?

    Diese Meinung könnte aber den zunehmenden respektlosen Umgang (Stichwort: Teilen oder wie es auf Neudeutsch heißt: Sharing is Caring) erklären….

    Es hat sich nur die Technik weiterentwickelt!

    • Hinter einem Abzug stecken sehr viel mehr Emotionen – größerer Aufwand. Ein digitales Foto ist schnell gemacht. Beim Abzug sieht man erst später in der Dunkelkammer das Ergebnis und wenn mans falsch macht, kann man auch mal einen ganzen Film verlieren.

  3. „Gedruckte Fotos“ – das ist lustig! Na, ihr seid bestimmt noch keine vierzig…
    (In den letzten 180 oderso Jahren, bis vor ganz kurzem, hieß sowas „Abzüge“ und wurde nicht gedruckt, sondern abgezogen)

    Schöner Text jedenfalls. Was wohl später von uns so übrigbleibt? Lauter Digitales vermutlich, nicht sehr flohmarkttauglich…

  4. Pingback: MeinFernbus und Berlin – Die kleine Erlebnisreise | Das ganz normale Chaos

  5. Nö. Grundfalsche Annahme. Zunächstmal entscheidet das Auge und dem ist es egal, ob Analog-Kamera oder DSLR. Emtionen kannst Du auch digital einfangen. (solche Fotos findet man natürlich nicht auf Instagram, Facebook oder wie sie alle heißen 😉 )
    Digitales Foto bedeutet für mich sogar mehr Arbeit als nur den Gang zum Fotoladen. Ich „entwickle“ das quasi am Rechner selber (in Lightroom heißt das entsprechende Menü auch genauso – in Anlehnung an die Dunkelkammer). Den Job macht bei analogen Fotos das Fotolabor. Digital ist für mich mit wesentlich mehr Arbeit verbunden.

    • Damit gehst du davon aus, dass ein Fotolabor involviert ist. Ich hab damals beim Fotografieren das Entwickeln selbst übernommen. Dementsprechend ist es dann schon mehr arbeit 🙂

  6. @Abee: Das kommt noch dazu :mrgreen: Ich habs einfach mal so übernommen – der Einfachheit halber 😛

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